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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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Wahrheit', öffnete sich die Tür des Krankensaales, durch welche die Mutter des Kranken, begleitet vom Chefarzt, eintrat. Die Szene des Wiedersehens von Mutter und Sohn vermag ich in Worten nicht zu schildern ---- ich unterbrach mein Gebet und befürwortete die Bitte der Mutter, sie bei ihrem kranken Kind während der Nacht — der letzten nach Ansicht des Arztes — wachen zu lassen ... ■ ____wieder im Spital einfand, um mich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen, lief mir der Chefarzt freudig mit den Worten entgegen: ,Du, Doktor, unser Mann ist gerettet und wird, wie ich glaube, in kurzem zur Truppe abgehen können. Aber nicht meine Arzneien, noch deine Gebete scheinen in diesem Fall die Rettung bewirkt zu haben, sondern die Kraft der Mutterliebe hat dieses Wunder vollbracht.' ____ fand ich den Soldaten aufrecht im Bette sitzend, sein Gesicht war von Freude verklärt und fest hielt er die Hand seiner Mutter umfaßt. Ich dankte Gott für die an diesem Menschenkinde erwiesene Gnade und verabschiedete mich mit den Worten: ,Mögc Gott Sie stets beschützen und bewachen und der Muttersegen wie ein Schutzengel Sie auf allen weiteren Wegen beschirmen.' " 23. August. „.... wo ich Samstag abend vorüberkam, sah ich am Bahnhof eine Unzahl von Tischen aufgestellt, auf welchen Reste von Sabbathkuchen und Fleischspeisen zu sehen waren. Eine vornehme jüdische Dame, die Leiterin der Hilfsaktion, teilte mir mit, daß auf Anordnung des Rabbinates in allen Synagogen verlautbart wurde, daß alle für den Sabbath vorbereiteten Speisen für durchreisende Soldaten bereitzustellen seien, was auch von allen jüdischen Einwohnern der Stadt genauestens eingehalten wurde . . . .... ein kalter, unfreundlicher Tag .... kein warmer Trunk erhältlich. Da lud uns Offiziere eine arme jüdische Witwe in ihre bescheidene Hütte ein, brachte zwei Krüge Milch, wärmte dieselbe am Herd und verabreichte einc\m jeden von uns eine Schale. Als wir hiefür bezahlen wollten, weigerte sich die Frau, das Geld anzunehmen und sagte: Auch ich habe zwei Söhne im Felde, ich selbst kann sie nicht betreuen, so seid Ihr jetzt meine Kinder." Tiefgerührt von diesem edlen Herzenszug legte dennoch jeder von uns je einige Nickelmünzen auf den Tisch. Was aber tat die' Frau? Sie nahm einige Münzen, warf sie in die Sammelbüchse für die Armen des Heiligen Landes und den Rest des Geldes verteilte sie an die draußen stehenden Soldaten." 24. August. begaben wir uns, außer mir je ein römisch-katholischer, griechisch - katholischer und ein griechisch-orientalischer Seelsorger, zu den bereits zugeschütteten Massengräbern .... Wir legten die geistliche Amtstracht an und stellten uns um das Massengrab auf. Als die drei Feldkuraten die den Vorschriften ihres Bekenntnisses entsprechenden Gebete verrichtet hatten, fielen die christlichen Soldaten aufs Knie und beteten ein Vaterunser. Als ich hierauf, umgeben von der jüdischen Mannschaft, laut die Worte sprach: ,Jisgadal, wjisgadal schmeh rabbo' (Gelobt und geheiligt werde der Name des Ewigen), brach alles in Schluchzen aus ..." Und der Feldrabbiner schreibt in seinem Tagebuch vom 24. August 1914: „.. . Sollte einmal wieder Glaubens- und Rassenhaß seine Stimme gegen Söhne Israels erheben wollen, dann werden jwir unsere Widersacher zu den Massengräbern führen und ihnen sagen: Schaut, hier ruhen sie, die einst Schulter an Schulter gekämpft haben, ihr für das Vaterland vergossenes Blut floß ineinander und das letzte Gebet des Andersgläubigen stieg mit dem Glaubensrufe des jüdischen Soldaten „Sch'ma Jisroel" wie ein harmonischer Zweiklang zum Throne des Ewigen empor. So soll uns künftighin, auch in Tagen des Friedens ein Band der Einheit und Nächstenliebe umschließen." Sowohl der deutsche Botschafter als auch der Feldrabbiner dachten in den Tagen des Grauens an eine Wendung zur Menschenliebe! Darum keine Siegeslieder, Darum keine Freudenkerzen — Beugt euch mit zerrissenen Herzen Zur entweihten Erde nieder! („Makkabäer 5675" v. Hugo Zuckermann.') Der k. u. k. apostolische Feldvikar wird von der Judenschaft eines galizischen Ortes feierlich empfangen Während des Krieges: Viele jüdische Siedlungen wurden ein Opfer der Kriegsflammen, viele jüdische Existenzen vernichtet, zehntausende jüdische Soldaten schwer verwundet und zehntausende jüdische Soldaten kehrten nicht mehr heim. Und der Lohn? Nach dem Krieg: Zuerst im Osten: Judenpogrome! Dann im Westen: Rassenhaß! Und so möge die Errichtung eines Denkmals für den „Ungenannten jüdischen Soldaten" auf den Bergen Zions zur ewigen Erinnerung an die jüdischen Helden dienen! Gebet den Toten Totenkleider und den Lebenden Brot! 7

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