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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-10-01 · 12 (Oktober 1934) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
12 (Oktober 1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Gestern waren es sieben Wochen, seit wir Mähren verließen. Während der ganzen Zeit habe ich mich keinmal rasiert, drei- oder viermal gewaschen, zwei frische Hemden angezogen und einmal die Schuhe ausgezogen, und zwar als ich im Marodenzimmer mit abgefrorenen Zehen lag; einmal habe ich Milch getrunken (bei einer jüdischen jungen Frau in Tomaschow), wo ich hätte bei den Kosaken bleiben sollen, jedoch auf äußerst riskante Weise entkommen bin .... Daß es bei uns überhaupt keine Zeiteinteilung gibt und daß ich zum letztenmal so noch im Jahre 1914 auf die Uhr geschaut habe, das halte ich garnicht für erwähnenswert. Was hört man von Oskar Mandl, Dr. Stein, Sonnewend, Bruno Spitz, Reif...?" Feldpostkarte von einem Kriegskameraden an Mandls Eltern: Kriegsflüchtlinge und gefangene Russen Josef ist gefallen, aber gefallen wie ein Held auf dem Felde der Ehre, mit dem Gewehr in der Hand, das Vaterland bis zum letzten Augenblick verteidigend. .. . Von einer Schrapnellhülse in den Kopf getroffen, war mein Kamerad, und schon so lange mein Kriegsgenosse, welcher in ein paar Tagen Kadett werden sollte, sofort tot. Sein Antlitz war ganz ruhig und milde und ich konnte es nicht verstehen." Ein Brief vom Kompagniekommandanten Kolbay: Dies mag der einzige Trost für einen Vater sein, daß er seinen Sohn in der Pflicht und Aufopfeiung fürs Vaterland gefallen weiß. Er hat seine Pflicht getan ..... Sind Sie stolz auf ihn, wie wir es sind ..." daß es leider nicht möglich ist, das Grab Ihres Sohnes zu agnoszieren, da wir den Platz den Russen noch nachts räumen mußten und wir unsere Toten dem Feinde überlassen mußten. .... wahrscheinlich in einem Massengrab . . ." Dr. Dawid Hescheles war in der zionistischen Bewegung bekannt. In Lemberg war er Rechtsanwalt und hatte einen populären Namen. — Krieg! Kämpfe und Gefechte gegen die Russen und 24 Stunden vor Beginn des Mordens auf dem Kriegsschauplatze schrieb er: Morgen gehe ich dem Feinde Aug' in Aug' gegenüber. Ich denke an die Devise unserer Verbindung pEmunah'..." Die Devise war: Rache an dem blutigen Zaren! Vergeltung an den Pogromscharen! Er ging hin, kämpfte, wurde verwundet, ausgezeichnet — und fiel. Cand. jur. Kurt Hoffmann war in Wien ein tüchtiger Fechter und so mancher, der das Judentum beleidigte, hatte es mit ihm und mit seiner Klinge zu tun. Ei meldete sich freiwillig und als Reservekadett; rückte er nach Banjaluka ab. 13. August 1014. gewaltige Märsche .... heiße Tage, sehr kalte Nächte i j ' ' 18. August 1914. denn ich bin nur mehr ein dreckiger Knochenhaufen oder ein knöcherner Dreckhaufen .... Bin seit acht Tatren nicht aus den Kleidern und nicht aus den Schuhen gekommen, habe die letzten drei Nächte nicht schlafen können, muß tagsüber bei tropischer Hitze marschieren, in schauderhaftem Terrain, kalte, feuchte Nächte, dazu tagelang nichts Warmes zu essen. Im übrigen viel Bewegung, wenig Gefecht, viel Schießerei, wenig Effekt .... So sitze' ich da, mit dem geladenen Gewehr zwischen den Füßen auf meiner Feldwache und denke an Euch ..." 20. August 1914. ich bin von den aufregenden Kämpfen, die dadurch, daß sie nur im Gebirge stattfinden, auch aufreibend sind, stark hergenommen . .. ." 22. August 1914. in den letzten Tagen nur von Kukuruz, Zwetschken mit Ratki (Schnaps zur Regulierung dieser fragwürdigen Kost) gelebt.... Habe bereits zehn Stunden geschlafen und das mit ausgezogenen Schuhen auf einem tadellosen Heulager; habe mich gewaschen, mir die Zähne geputzt ..... So streifen wir hier herum und kämpfen Tag und Nacht- ,im feindlichen Kugelregen' — an das gewöhnt man sich bald .... Zeitungen habe ich noch immer nicht, mir kommt es auf ein paar Kriegserklärungen mehr oder weniger nicht mehr an ... ." 23. August 1914. „ ... . mir scheint, ich werde soviele Semester verlieren, daß ich das Studitim aufgeben werde . .. ." Am Tage seines Todes schrieb er: 25. August 1914. ,,lch bin dank meines mich nie verlassenden Glückes noch ganz unverletzt und gesund, freilich aber ziemlich heruntergekommen infolge der kolossalen Strapazen .. . . " Einige Stunden später war er, wie schrieb er, der Student Kurt Hoffmann, — ein „Knochenhaufen". Aus dem Tagebuche des Feldrabbiners Doktor Samuel Guttmann: 16. August. „Heute habe ich ein Wunder erlebt. Im hiesigen Truppenspitale lag ein schwerkranker Soldat... sein Zustand hoffnungslos. Er hatte hohes Fieber (41 °). Ich fragte den Kranken, ob er welche Wünsche habe, worauf er mit kaum vernehmbarer Stimme lispelte: ,Mutter, Mutter sehen —, Mutter schrieb kommen . . . ■ .... erwachte aber bald und bat mich, ihm das ,Kriat Sch'ma' (das Gebet vor der Nachtruhe, das auch Sterbenden vorgesagt wird) vorzusagen .... zwei Lichter wurden a n g e z ü n d e t, ein liebenswürdiger röraisc h-k a t h o 1 i - scher Kleriker, der in diesem Saal Samariterdienst leistete, wusch ihm die Hände und bedeckte ihm das Haupt. Im Saale herrschte feierliche Stille, auf den Gesichtern der übrigen Patienten war ein tiefer Ernst ausgeprägt und alle lauschten mit tiefer Rührung den Worten des Gebetes. Bei den Worten: ,in Deine Hand empfehle ich meinen Geist, Du erlösest mich, Ewiger Gott, in 6

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