Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 12 (Oktober 1934)
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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wurzellos, ohne seelische Heimat dastehen, ebenso Ebenbilder Gottes sind, wie alle Menschen. Oder mit anderen Worten: Es gibt Oesterreicher, die als Staatsfeinde gegen ihre Landsletite Bomben werfen und es gibt Juden, die in anderer Art feindselig empfunden werden. Es sei eben unrichtig, zu verallgemeinern. Diese Feststellung von dieser Seite ist als überaus wertvoll zu registrieren. Und dann wird mit aller Eindeutigkeit die Methode des Judenhasses, besonders nach der gesetzlich geschützten Marke „Drittes Reich" bedingungslos abgelehnt: „Die Ostmärkischen Sturmscharen lehnen daher die im Dritten Reich getätigte Art des Rassenantisemitismus als unmoralisch, unchristlich, aber auch als gänztxh unzweckmäßig ab. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß der jüdischen Gefahr nicht durch Ungerechtigkeit, sondern nur durch Gerechtigkeit zu begegnen ist. Sie haben erkannt, daß diese jüdische Gefahr nicht von Seite jener Judenschaft droht, die sich selbst nur zu wohl der Tragik ihrer Heimatlosigkeit bewußt ist und gerne alles tun möchte, um einen Trennungsstrich zwischen sich und jener verlorenen Rotte Korah zu ziehen, die schon der große Oesterreicher Hermann Bahr in einem seiner Romane auf das treffendste gekennzeichnet hat. Eine solche Rotte Korah besitzt natürlich jedes Volk, nicht bloß das jüdische. Aber die Tatsache, daß die Auswürflinge des Judentums wegen der internationalen Verteilung am gefährlichsten sind, macht die Judenfrage zur internationalen Frage." Solche Aeußerungen von dieser Seite sind wertvoll. Dein e5 muß endlich Allgemeingut der gesitteten Menschheit werden, daß, wie einmal Robert Stricker im österre;chischcn Nationalrat gesagt hat, auch die Juden das Recht auf Verbrecher besitzen. Was besagen soll, daß man keiner Menschengemeinschaft, sei sie ein Volk oder etwas anderes, ihre „Auswürflinge" vorwerfen darf. Noch wichtiger ist die zweite Feststellung. Wenn von katholischer Seite die Besonderheit der jüdischen ..Auswürflinge" gegenüber denen anderer Völker und Gemeinschaften darin gesehen wird, daß die Juden — was der Wahrheit entspricht - mehr als andere international verstreut leben, dann dürfen wir Juden auch darauf verweisen, daß ein Zusammenhalt zwischen den Juden in der internationalen Siedlung keinesfalls im Sinne einer Weltverschwörung nach dem berühmten Rezept der „Weisen von Zion" gedeutet werden darf. Es gibt einen wichtigen internationalen Zusammenhalt zwischen Katholiken der ganzen Welt — für den verewigten Kanzler Dollfuß wurden sogar in Neuseeland Gedächtnismessen gelesen — und einen wichtigen Zusammenhalt der deutschen Kultureemeinschaft in den meisten Staaten der Erde. Wenn nun versucht wird, d:e fast ebensoweit gehende Weltverte'lung deutscher Siedlungen im Sinne der Wühlarbeit des Natio-ia'kommunismus Goebbe's'scher Prägung zu einer internationalen Angelegenheit auszuweiten, dann steht die Intemationalität der jüdischen Verteilung in bezug auf Gefährlichkeit zweifellos nicht an erster Stelle, schon nicht an Zahl der möglicherweise Beteiligten. Und damit, mit solchen Gedanken wird die ganze Frage wesentlich entgiftet. Es ist erfreulich, daß katholische Menschen, die es offenbar grundehrlich meinen, in ihren Gedanken auch auf diesem Gebiete so weit gedrungen sind, daß die Judenfrage aus ihrer Isolierung herausgehoben werden kann. Und obige Parallele ist für katholische Deutsche in Oesterreich mindestens so lebensnah, wie die Frage der österreichischen Juden und ihre internationale Lagerung. Wie deutlich aber diese jungen Katholiken den Zusammenhang empfinden, besagt der Schluß des Aufsatzes: „Erst auf diese Weise ist eine vernünftige Lösung dieses für jeden Kulturstaat brennenden Problems, das bei allen Völkern, die sich in der Krisenlage befinden, geradezu zur Lebensfrage wird, in den Bereich der Möglichkeit gerückt. Niemals wird eine gesunde und dauerhafte Lösung aber durch einen Blut- und Mordantisemitismus zu erreichen sein, wie er im Hitlerdeutschland wütet. Gerade die Ostmärkischen Sturmscharen haben die doppelte Aufgabe, diese Form abzulehnen und durch Besseres zu ersetzen. Denn niemals dürfen wir vergessen, daß es ausgeschlossen sein muß, das religiöse und nationale Judentum als Gegner zu betrachten. Es könnte sonst sehr wohl der Fall eintreten, daß es heißt: Heute die Juden, morgen d'e Katholiken!" Das Bekenntnis, daß der normale Volksteil niemals als Gegner betrachtet werden dürfe, ist mit Freude zur Kenntnis zu nehmen. Der normale Volksteil der deutschen Oesterreicher wird in Oesterreich gegenwärtig die „vaterlandstreue Bevölkerung" genannt. Die anderen sind beispielsweise jene, welche Bomben gegen Barentlohnung in Wohnhäuser werfen und ähnliche Taten vollbringen oder bejubeln. Diese echten deutschen katholischen Oesterreicher müssen es „als ausgeschlossen" ansehen, die entsprechenden Teile der Judenschaft „als Gegner zu betrachten." Aber noch wichtiger ist der Abschluß des Artikels. Zum ersten Male wird eine Feststellung von nichtjüdischer Seite in solcher Eindeutigkeit gemacht, um deren Verständnis das „Wiener Jüd. Familienblatt" seit Beginn seines Erscheinens gekämpft hat, eine Feststellung, welche die Kehrseite des Antisemitismus bloßlegt. Der Antisemitismus ist eine politische Waffe, die man verwendet, um etwas anderes zu erreichen, etwas, das man nicht beim Namen nennen, das man nicht offenbaren will, weil man es sonst eben nicht erreichen könnte. Der Judenhaß ist dann ein Tarnungsmittel, um das ^o!k zu betrügen, um seine gutgläubigen Augen auf die Juden zu lenken, um seine Gemütskräfte durch Haßstimmung einzufangen und in dieser Stimmung auf ein wegen seiner zahlenmäßigen Kleinheit nicht so gefährliches Objekt zu lenken, damit sich der Haß nicht gegen den Betrüger wendet. Man schlägt die luden und meint die Katholiken. So geschehen im Dritten Reich, so wie man vordem den Juden Steiger zum Tode verurteilen wollte, um die Ruthenen um den von ihnen angestrebten Erfolg eines als Signal gedachten Attentates zu bringen. Es gibt eben verschiedenste Verwendungsmöglichkeiten für diese merkwür- 2