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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-09-01 · 11 (September 1934) · p. Seite 23

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
11 (September 1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 23 (sequence 25)
Language
German
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maßenden und unfruchtbaren Intelligenz, indem er der Gesellschaft einen einheitlichen Charakter zuschrieb. Dieses Ideal einer kosmopolitischen Menschheit ist eine Utopie. Ich habe noch niemals einen abstrakten Menschen gesehen. Was ich sehe, ist Hr. Rouben, Hr. Chimon mit ihrem mehr oder weniger ausdrucksvollen individuellen Charakter. Aus diesen verschiedenen Individuen, in ihrer Gesamtheit genommen, setzt sich die Menschheit zusammen. Das ist der tiefe Sinn der Worte der Genesis: „Abraham wird eine große und mächtige Nation werden und in ihr werden alle Nationen gesegnet sein." Nun ist das Humanitätsideal unserer Propheten demjenigen des Aufklärungszeitalters ganz entgegengesetzt. Auch bei der Ankündigung eines ewigen Friedens wünscht die jüdische Prophetie niemals, die nationalen Unterschiede zu verwischen. Wenn der Prophet Micha das goldene Zeitalter voraussieht, wo der Berg des Hauses des Herrn auf dem Gipfel der Berge befestigt sein wird und sich über den Hügeln erheben wird und alle Nationen dorthin strömen werden. Und Völkerscharen werden ziehen und sagen: „Erklimmen wir den Berg des Ewigen, um das Haus des Gottes Jakobs zu erreichen, damit er uns seine Wege weise und wir seinen Pfaden folgen können," fügt der Prophet allsogleich hinzu: „Mögen die anderen Völker, jedes im Namen seines Gottes, dahinziehen, wir, wir werden immer im Namen des Ewigen, unseres Gottes, dahinziehen, für und für." Der Mensch ist nicht der traurige und verdrießliche Gefangene einer ungenannten Menschheit: Er ist eine Pflanze seiner Heimat, im materiellen und geistigen Sinn genommen. Er ist das Resultat seiner Geschichte und er muß seinen Erdenwinkel pflegen, um die Schönheit des Universums zu vergrößern. Nach und nach brach sich diese Wahrheit Bahn: Und sogar die grausamen Uebertreibungen eines engstirnigen Chauvinismus dessen Zeugen und häufige Opfer wir sind darf uns nicht hindern zu erkennen, daß der Ausgangspunkt begründet ist. Welches war die Haltung der Juden diesen beiden entgegengesetzten Anschauungen gegenüber? Es ist wohl verständlich, daß wir ohne Zögern die Gelegenheit ergriffen, uns von einem mittelalterlichen Joch zu befreien. Auch wären wir die ersten, die die Ideen des Liberalismus verbreitet haben. Wir waren überzeugt, daß das Ghetto nur die Folge einer barbarischen Epoche war und daß der angebliche Fortschritt der Menschheit auch das Ghetto beseitigen würde. W i r erkannten nicht die Notwendigkeit einer gewissen Isolierung. Mit einer Begeisterung ohne Grenzen nahmen wir die neuen Ideen auf und wir waren mit Vergnügen bereit, nach dem Wort Heines, den Eintrittspreis in die europäische Zivilisation mit einer vollkommenen Assimilation zu bezahlen, das heißt, mit dem Aufgeben unserer ererbten Güter. Julius Mein! Kaffee Jmpoi't GegrJ86Z Es geschah durch diesen Mangel an Kenntnissen, daß der Jude des vergangenen Jahrhunderts seine stolze Haltung verloren und daß er sein Heil in der Assimilation gesucht hat. Er wußte nicht, daß die Ideen, für welche er sich begeisterte, schon und das zum erstenmal von unsern Vorfahren ausgesprochen worden waren. Er übernahm die Meinung der Antisemiten, nach welcher das Wesen des Judentums nur ein „trockener, talmudistischer und syllogistischer Intellektualismus wäre. Er wußte nicht, unter welchen verschiedenen Formen der jüdische Geist sich ausbreiten kann, von der wissenschaftlichen Schule des Talmud zum Mystizismus der Kabbala bis zur tiefen Sentimentalität des Chassidismus. Er übernahm die antisemitische Meinung, daß der Jude der gewinnsüchtige Handelsmann, der angekränkelte Intellektuelle sei; er wußte nicht, was für mutige, unternehmungslustige, kraft- und leben strotzende Helden unserer Rasse entsta mmen. Da er all dies nicht wußte, glaubte er seine Abstammung verschleiern zu müssen und da er sich versteckte, dachte man: Wahrscheinlich hat er gute Gründe, die Anonymität zu suchen. Hingegen fand der stolze, sich seines Wertes und seiner Rasse bewußte Jude überall die Ächtung, die ihm gebührt. Die Vorstellung, daß die Bekennung eines positiven Judentums mit dem wirklichen Patriotismus unvereinbar sei, ist eine Fiktion, welche nur in den Köpfen der Juden selbst existiert. Wer sonst könnte in diesem Dualismus ein Hindernis erblicken? Ist der romanische Schweizer nicht der französischen Kultur zugewendet und der deutsche Schweizer der deutschen Kultur? Und doch sind beide gute Eidgenossen. Warum sollte der Jude, welcher nicht das Glück hat, im Lande seiner Väter zu leben, diese Synthese nicht verwirklichen können und so die Aufgabe erfüllen, welche Jeremias ihn lehrt: „In jedem Lande und sollte es Euch das Leben kosten, seid Bürger Eures Landes; und gleichzeitig seid Juden; weihet jeder Eurem Vaterlande das menschliche Kleinod, welches Ihr von Israel besitzt; und der Friede Eures Vaterlandes sei Euer Friede und der Frieden der Menschen wird Euer Frieden sein! Abonnieren Sie das Wiener Jüdische Familienblatt! 23

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