Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Chanan Lehrmann (Lausanne): Die Emanzipation und ihre Kehrseite ■IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIllllllliaillllllllllllllllllllllllllllllllllfllllflllllllllllllllllllllllllllllllllllllllMIIIIIIIllBllllllllllllRlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllIIII Anmerkung der Redaktion: In der in französischer Sprache in Genf erscheinenden Monatsschrift „Revue Juive de Geneve" (Herausgeber Josue Jehouda) ist im Juliheft 1934 ein Aufsatz erschienen, dessen Autor vom Unterrichtsamt des schweizerischen Kantons Vaud eingeladen worden war, an der Universität Lausanne Vorlesungen über das Thema: „Die Judenfrage in der französischen Liter at u r" zu halten. Der Aufsatz, den wir mit gütiger Erlaubnis der genannten Zeitschrift unseren Lesern vermitteln wollen, gibt die Erkenntnis wieder, welche der Autor aus dem Studium der französischen Literatur gewonnen hatte. „So verliert unser Volk seine Elife, ohne die Menschheit zu bereichern. Unsere Elife verrät ihr Volk im guten Glauben und ebenso, wie sie sich selbst verleugnet: es ist dies unsere größte Tragödie, die Tragödie Israels." (Josue Jehouda : La Tragedie d'Israel.) Die Emanzipation schien der Beginn einer Glücksepoche für das Judentum zu sein. Nach allgemeiner Beurteilung könnte man der Ansicht zuneigen, die Emanzipation als das Werk einer hellen Epoche anzusehen, während die gegenwärtige Reaktion nur eine vorübergehende Rückkehr in mittelalterliche Finsternis wäre. Wenn uns Namen begegnen, wie Voltaire, Diderot, so denken wir, das sind die edlen Vorläufer und Vorkämpfer der Befreiung der Juden, diejenigen, welche für die Wahrheit gestritten haben. Wir sehen in Napoleon den Messias der Juden Deutschlands, Polens und aller Länder, auf welche er seine Macht erstreckte, den Mann, welcher das Synhedrion wieder herstellte, jene Institution, welche einstmals die oberste Autorität des jüdischen Volkes gewesen war. Wer jedoch mit Muße in den literarischen Werken Voltaires blättert, ist erstaunt, in Voltaire nur einen Mann zu erkennen, welcher das Judentum von einem ganz feindseligen Standpunkt betrachtet hatte und sich in nichts von einem notorischen Antisemiten unterscheidet. In den Werken Voltaires erscheint der Jude nur unter der Maske eines Wucherers, dessen hauptsächlichste Aufgabe es ist, die Christen, so gut er kann, zu bestehlen. Der Shylock-Typus kehrt ständig in der französischen Literatur wieder. Das Alte Testament wird verleumdet; es wird beschuldigt, eine Quelle von Irrtümern zu sein, welche die Menschheit nur verwirrt haben. 1720, z. B., beglückwünschte Voltaire die Gräfin Fontaine, daß sie vom König die Begünstigung erhalten hatte, eine Steuer von 20.000 Pfund von den Juden von Metz einzuheben. Man hat in der Nationalversammlung fast zwei Jahre über die Emanzipation verhandelt und sogar die Argumente, die man zu unsern Gunsten anführte, waren nichts weniger als schmeichelhaft. Das günstigste Argument war dasjenige Robespierres: „Sie sind verächtlich, weil sie unter verächtlichen Bedingungen gelebt haben; ändert ihre Lebensbedingungen und sie werden ihren Charakter ändern." Napoleon, der Erbe der Revolution, blieb skeptisch, was die größere Nutzbarmachung der Juden für Frankreich betraf. Das einzige Mittel, sich dieser Wucherrasse (wie er sich ausdrückte) zu entledigen, war nach seiner Ansicht eine vollständige Assimilation durch Mischheiraten, um „die schädliche Substanz in ihrem Blute verschwinden zu lassen". Ein Beschluß über die Mischheiraten war einer der Punkte, welcher er dem großen Synhedrion aufdrängen wollte, und als dieses ablehnte, das Spiel des Kaisers zu spielen, ließ er es einfach auflösen. So sehen wir, welch gefährliches Geschenk man uns mit der Emanzipation anbot und welches der Preis dieses Geschenkes war: die Assimilation. Eine vollständige Assimilation, welche den ersten Sinn des Wortes „Emanzipation" fälscht. Diese sogenannte Emanzipation beließ den Juden keinerlei individuellen Wert; man war bereit, uns unsere Abstammung zu vergeben, unter der Bedingung, daß wir selbst die notwendige Diskretion zu wahren verstünden. Das begünstigte bei den Juden die Neigung zur Anonymität. Aber diese Anonymität wird eine Atmosphäre des Mißtrauens schaffen, denn - trotz allem — werden die Juden sich nicht verstellen können. Das ist der circulus vitiosus, der sich bilden muß. Die wenigen Beispiele, welche wir angeführt haben, genügen, um die oberflächliche Meinung zurückzuweisen, daß die Emanzipation das Werk einer hellen Epoche wäre, während die Reaktion auf diese Bewegung eine Rückkehr zur Brutalität darstellt. In der Epoche der Emanzipation war die öffentliche Meinung dem Judentum nicht günstiger als zu anderen Zeiten. Man war einfach gezwungen, die logischen Folgerungen aus einer vorherrschenden Auffassung zu ziehen. Das Jahrhundert der Aufklärung, welches von den kirchlichen Vorurteilen losgelöst war, sah als Ideal eine menschliche Gesellschaft, welche von der bloßen Vernunft regiert war. Tatsächlich gab es in einer solchen Gesellschaftsstruktur keinen Platz für religiöse oder Rassenfragen. Die Macht dieser kosmopolitischen Bewegung, in Frankreich durch Voltaire, Diderot und Rousseau vertreten, in Deutschland durch Herder, Goethe, Schiller, mußte die Ghettos abschaffen; aber die Führer handelten nur widerwillig, unter dem Druck der Vernunft, deren Vertreter sie waren. Betrachten wir etwas näher die Struktur dieser Geistesrichtung des Rationalismus, dessen legitimer Erbe der bürgerliche Liberalismus des 19. Jahrhunderts geworden ist. Ohne Zweifel waren seine Angriffe auf die veralteten Meinungen berechtigt. Groß und nützlich in der Zerstörung gewisser Formen, blieb der Rationalismus aber unfähig zu einem positiven Aufbau; er überschätzte den Wert einer in Wirklichkeit engen, an- 22