Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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An der Hobelbank Schriften ist Aufgabe des Rabbis und Melameds. Nur am Samstag muß auch der Vater, der die ganze Woche an der Hobelbank stand oder Schuhsohlen leimte, seine Söhne in Anwesenheit des Lehrers „abhören". Ehrwürdiges Älter - Ehrwürdiger Beruf 'Thoraschreiber Eines besonderen Ansehens in der Gemeinde erfreut sich der ehrwürdige Greis, der sich mit dem Schreiben von Thorarolleu mühselig durch das eintönige Leben des Ghettos durchbringt. Er würde es als eine Lästerung empfinden, wollte er diese anstrengende Arbeit in bequemen Hemdärmeln verrichten. Selbst an heißesten Tagen legt er für seine Arbeit den festlichen Kaftan an und er schreibt mit dem unhandlichen Gänsekiel, wie es seine Vorfahren taten vor Jahrhunderten. Er ist der einzige — man verzeihe den Ausdruck Exporteur des Ghettos. Während die Der Schuster des „StädteT von den jüdischen Handwerkern fertiggestellten Schuhe und anderen Waren nur von den Bauern der nächsten Umgebung eingehandelt werden, wandert die hier mit Gänsekiel und nach uralten Rezepten gebrauter Tinte geschriebene Thorarolle hinaus in die Welt, in die lichterhellen, asphaltierten Großstädte. Und wenn wir aus unserer Welt des rasenden Tempos, des Telefons, des Radios, der Sportiekorde und der Elektrizität in die Stille des Gotteshauses treten und hier die Thorarolle erblicken, so müssen wir nun einen kleinem Augenblick jenes stillen, namenlosen Greises gedenken, weit, weit versteckt in einem Winkelgässehen des Ghettos .... 21