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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-09-01 · 11 (September 1934) · p. Seite 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
11 (September 1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 20 (sequence 22)
Language
German
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Zum ersten Male: Mit der Kamera im Ghetto Von A. Süsser Schreiben wir wirklich 1934? Ist es die Zeit der drahtlosen Kraftübertragung und der Stratosphärenflüge? Das Rad der Zeit ist stillgestanden in dem kleinen, weltabgeschiedenen Ghetto, wo sie leben, leiden, darben und wo alles beim Alten, beim guten Alten geblieben ist. Zwei Stunden holpert das primitive Bauernfuhrzeug au? elenden Dorfstraßen von der nächsten Eisenbahnstation. Zur frühesten Morgenstunde trifft der Gast aus der so fernen Fremde in dem Ghetto ein. Schon aber sind die Männer wach und an der Arbeit. Schwere Handarbeit. „Im Schweiße Der Plat? vor dem Rathaus deines Angesichtes..." Man sollte doch einmal die Neunmalweisen, die da immer laut hinausschreien, die Juden scheuen das Handwerk, man sollte sie einmal in dieses Ghetto führen. Die überwiegende Mehrheit des Judenviertels verdient sich hier das karge Brot als Schuster, als Tischler, als Handwerker. Unsere Kamera hat sie bei der Arbeit festgehalten. Was aber die Photographie nicht zeigen kann, sondern allein der eigene Augenschein, das ist die furchtbare Armut, in der diese Leute dahinleben. Erdäpfel, Erdäpfel und wieder Erdäpfel bilden das karge Mahl. Und es muß schon ein hoher Festtag sein, wenn einmal Geflügel auf den Tisch kommen darf. Wiewohl vier Hühner um einen Schilling zu haben sind. Doch da der tägliche Durchschnittsverdienst der jüdischen Handwerksmeister durchschnittlich S 1.70 im Tag beträgt, ist für sie das Fleisch am Werktag unerschwinglich. Die Dürftigkeit des äußeren Lebenswandels, die Armseligkeit der Kleidung und der Ernährung konnte jedoch den heiligen Eifer der Ghettobewohner im Dienst Gottes und im Studium der religiösen Weisheit nicht beeinträchtigen. Schon der dreijährige Knirps wird Judengasse von dem Gemeindelehrer, dem Melamed, in die Schule genommen, und unser Bild überrascht drei halbwüchsige Jungen beim intensiven, tief versunkenen Studium. Die Einweihung der Jugend in die heiligen Knaben beim Studium 20

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