Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Z Cunard & White Star Line Wien I., Kärntnerring 4 - Tel. U46-2-48 nach Amerika und Kanada Koschere Verpflegung unter Aufsicht des B«th Din (Kultusgemeinde London) das von Großrabbiner Dr. J. H. Hartz geleitet wird „Sehr richtig — goldene Worte — sie sollten in ein goldenes Buch geschrieben werden!" Der Pan warf dem Juden einen Blick zu, dessen Bedeutung TiUis' Instinkt sofort begriff. „Halt's Maul, Jude sonst wird dich Titus lehren, wie du dich vor einem Herrn zu benehmen hast!" „Ach, Porizleben, weiß ich denn, was ich rede? Ich habe nichts gesagt, gar nichts!" , Schweigen!" „Jawohl, Porizleben!" „Selbstverständlich müssen wir die Gleichheit aller Stände durchführen — jedermann gleiche Rechte, gleiche Pflichten! Verstanden, Jude?" — wütend schrie der Graf den Pächter an. „Wenn der Herr es sagt, wie darf ich armer Jude wagen, zu widersprechen?" „Gleichheit aller Stände, sagte ich, wie in Frankreich! Wir müssen das Volk vorbereiten, sich selbst regieren zu können. Darum habe ich dich rufen lassen, Jude. Mit den Bauern kann ich nicht reden, sie sind dümmer als das liebe Vieh — mein Gaul versteht mich leichter. Mit den Bauern gibt es nur eine Sprache: dein Stock. Aber ihr Jüdlein habt gute Köpfe und wenn ihr mithaltet, wird der Bauer auch dabei sein. Daher mußt du in deiner Schenke mit den Bauern reden, sie aufklären! Alle Stände müssen gleich sein! Verstanden?" „Was ist da nicht zu verstehen?" „Auch euch, Jüdlein, werden wir dabei mithelfen lassen. Euer Gott ist ein Gott der Rache. Ihr seid Enkel der Makkabäer — wie sie einst, müßt ihr euch erheben! Jawohl, Schlomko, eine neue Aera bricht für Polen an!... Jetzt aber schau, daß du weiterkommst! Im Salon stinkt es schon ganz abscheulich nach deinen Zwiebeln, man muß tüchtig lüften!" „Gut, Porizleben! Topolje hat ja doch den besten Herrn, er soll leben und gesund sein!" — damit warf sich Schlojme-Wolf nieder und tastete nach den Füßen des Grafen. „Ist nicht nötig! Ist nicht nötig!" Wydawski erinnerte sich plötzlich der neuen Aera und wollte nicht dulden, daß der Jude ihm den Fuß küsse. „Von heute an darfst du keinen Fußfall mehr vor mir machen! Verstanden? Bloß die Hand küssen!" — damit reichte der Graf dem Rendar die Hand zum Kuß „Wir müssen Europa gleich werden!" „Was für eine Welt kann das sein, wo man keinen Fußfall vor dem Herrn macht! Nein, Porizleben, ich gehorche dir nicht — vor dem Herrn muß man einen Fußfall machen, so schickt es sich!" ,.Jude, soll Titus dich Anstand lehren? Ich sage, die Hand küssen — und dabei bleibt es! Kein Fußfall' mehr! Alle Stände müssen gleich sein! Verstanden?" Diesen Argumenten, noch mehr aber Titus' Augen, die feindselig aufblitzten, mußte Schlojme-Wolf sich fügen und es beim Handkuß zum Abschied bewenden lassen. Ueberglücklich, daß das Balancieren auf dem angeschnittenen Seil ein Ende genommen hatte, suchte er rückwärtsschreitend die Tür zu gewinnen. Dieser Krebsgang diente zwei Zwecken gleichzeitig: einmal bewies Schlojme-Wolf dem Pan auf diese Weise seine Ehrerbietung, außerdem aber konnte er Titus im Auge behalten und sich gegen einen Ueberfall von hinten vorsehen. Als er die Tür erreicht hatte, wandte er sich tief aufatmend um und ein Seufzer der Erleichterung entrang sich seiner Brust: „Ich danke dir, Gott —" Doch statt den Satz zu vollenden, stieß der Rendar einen markerschütternden Schrei aus: „Schma Jisroel, oj! ..." Der Schreck war unnötig. Titus, dem der Graf verboten hatte, zuzufassen, tat Schlojme-Wolf nichts zu Leide. Er riß bloß mit einem geschickten Satz dem Juden den Kaftan und ein Stück der Hose vom Leibe und trabte, die Beute im Maul, auf seinen Herrn zu, der sich im Lehnstuhl vor Lachen wälzte. „Das ist der Lohn dafür, Schlomko, daß du deinem Herrn ein Paar Hosen angeboten hast!" rief der Graf dem zu Tode erschrockenen, kreidebleichen Juden zu, der sich bemühte, mit den Resten des Kaftans seine Blöße zu decken. „Hat dir am Ende Titus etwas zu Leide getan? Ich habe ihm ausdrücklich eingeschärft, dir nur den Kaftan vom Leibe zu reißen, sonst nichts." „Nein, Porizleben —" „Brav, Titus, gut gemacht!" — zufrieden klopfte der Graf dem keuchenden Hund auf den Rücken und wandte sich dann an den Juden: „Dafür, Schlomko, schenke ich dir die nächste Pachtrate!" Die Reste seiner Kleidung mühsam festhaltend, machte Schlojme-Wolf eine tiefe Verbeugung: „Ich danke dir, Porizleben! Topolje hat den besten Herrn! Wir werden für deine Gesundheit beten..." Außer Atem, in Schweiß gebadet, sank der halbnackte Rendar vor der Schenke in die Arme seiner schreckensbleichen Frau, die bereits voll Angst nach ihm Ausschau hielt. „Was wollte er von dir? Um Gotteswillen, wie siehst du aus?" „Gott Lob und Dank - das Leben gerettet!" stieß Schlojme-Wolf atemlos hervor. (Aus dem Roman „Der Trost des Volkes" von Schalom Asch - Copyright by Bibliothek zeitgenössischer Werke, Zürlch.Lelpzig.WIen) 19