Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 18 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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blem Polens, befestigt war. Ein kurzes militärisches Kommando schlug an des Pächters Ohr: „Auf!" Ratlos ließ der Jude seine blutunterlaufenen Augen zwischen dem Grafen und dem sprungbereiten Hund hin- und hergleiten. Dann streckte er mit flehentlicher Gebärde dem Pan die Hände entgegen, ließ jedoch den Hund nicht aus den Augen: „Porizleben, ich habe Angst!" , Ich befehle dir aufzustehen!" ,,Porizleben! .. Befehl, selbst Drohungen' des Grafen blieben fruchtlos. Schlojme-Wolf erhob sich erst, als Wydawski den Hund mit einem energischen „Couche, Titus!" auf seinen Platz verwiesen hatte. Nun wagte es der Jude, seine knieende Stellungaufzugeben. Er wischte mit dem Aermel den Schweiß fort, der vom Haar bis in den Nacken floß, setzte sogleich eine fröhliche Miene auf, um seiner Freude über die Veränderung, die mit dem Grafen vor sich gegangen war, Ausdruck zu geben, und sagte, noch immer Todesschrecken in ■den Augen und Angstschweiß auf der Stirn, in schmeichelndem Ton: ,.Oj, oj, wie der hochmögende Herr aussieht! Oj, bi, oj, — wie der Kaiser selber! Kein Poriz im ganzen Land sieht so kriegerisch aus wie der meine!" dabei wischte sich Schlojme-Wolf unaufhörlich den Schweiß, den ihm Titus aus allen Poren getrieben hatte, von Stirn und Nacken. Dem Grafen kam es nicht im entferntesten in den Sinn, daß er den Juden gekränkt oder erniedrigt haben mochte, er war vielmehr überzeugt, ihm einen Beweis seiner Leutseligkeit gegeben zu haben, indem er sich herbeiließ, ein wenigmit ihm zu scherzen. Und als ob gar nichts vorgefallen wäre, wandte er sich an den Pächter, der den Schrecken noch immer nicht überwunden hatte: ..Höre, Schlomko, ich habe mit dir zu reden. Es handelt sich um eine sehr ernste Sache, und du, Jüdlein, bist gescheit. Alle Jüdlein haben gute Köpfe" — dabei deutete der Graf auf seine Stirn —, „sie sind nicht wie unsere Bauern!" Der Jude machte einen tiefen Kratzfuß: ,,Ich höre, hochmögender Herr!" „Nun denn, Schlomko — eine ernste Zeit bricht für unser Land an, eine Zeit, wo es aller seiner Kinder bedarf. Und wir alle sind Kinder dieses Bodens — ia, alle, ohne Unterschied der Rasse und des Standes. Es ist höchste Zeit, bei uns mit den Standesunterschieden aufzuräumen. Jeder einzelne, der eine gute Seele besitzt und das Herz hat, alle Menschenpflichten auf sich zu nehmen, muß von den Schranken befreit werden, die das Mittelalter ihm auferlegt hat. Jawohl, es ist höchste Zeit, auch bei uns die Gleichheit aller Stände einzuführen. Gleiche Pflichten, gleiche Rechte für alle!" — der Graf redete sich immer mehr in Begeisterung hinein. „Auch wir müssen endlich das Mittelalter überwinden und alle Kinder unseres Bodens zu Bürgern erziehen!..." Der Jude stand wie auf Nadeln. Noch immer zitterte in ihm der Schreck nach, den ihm Titus eingejagt hatte. Was der „Poriz" von ihm wollte, war ihm eigentlich nicht klar, doch er fühlte instinktiv: der Herr meinte es gut mit ihm; und er war dem Grafen unendlich dankbar, daß er so leutselig mit ihm sprach. Die Freundlichkeit war Balsam für den Schmerz und die Schande, die Schlojme-Wolf eben erst erlebt hatte. Er vergaß alles, er verzieh dem Pan den Streich, den er ihm gespielt hatte. Jetzt war Wydawski wieder sein „Poriz", für den er bereit war, durch Feuer und Wasser zu gehen. „Goldene Worte, hochmögender Herr, goldene Worte — man müßte sie in ein goldenes Buch schreiben! Wirklich, es ist höchste Zeit, schon lange..." Der Graf fuhr auf. Er erinnerte sich, zu wem er sprach. Der Jude war zu vertraulich geworden, bald würde er vergessen, vor wem er stand! Wydawskis S'andesbewuß'sein erwachte. Er zwirbelte den Schnurrbart in die Höhe und setzte in sarkastischem Ton fort: „Selbstverständlich muß man es sich erst verdienen, ein gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft zu werden. Man muß zunächst eine Prüfung darüber ablegen, ob man die nötigen Qualifikatione n" dieses Wort unterstrich er — „wie Ehre, Gewissen, Pflichtgefühl besitzt, um würdig zu sein, für das Vaterland zu kämpfen, um der Rechte und Pflichten eines Bürgers teilhaft zu werden. Diese Qualifikationen besitzt der größte Teil der Einwohner unseres Landes leider nicht. Wir haben sie zu lange vernachlässigt. Man muß erst das Bürgergefühl in ihnen wecken, das Pflichtbewußtsein im Bauer, das Selbstbewußtsein im Juden. Beide müssen zunächst würdig gemacht werden, Bürger zu sein. Und das ist die Pflicht der privilegierten Klassen, der höheren Schicht unserer Bevölkerung. In dieser Hinsicht haben wir leider am Volke schwer gesündigt..." Der Jude verstand kein Wort der langen Rede, doch sein fein empfindlicher Instinkt warnte ihn: die Stimmung des „Poriz" drohte umzuschlagen und die Unterredung konnte, Gott bewahre, ein schlechtes Ende nehmen. Schlojme-Wolf aber hatte einen einzigen Wunsch - so schnell wie möglich dem unsicheren , Sniel mit dem Teufel" zu entschlüpfen. Denn obgleich der „Poriz" guter Laune war — daß die Worte auch jetzt noch gut gemeint waren, fühlte der Jude—, ließ sich doch nie voraussehen, wie derlei Gespräche ausgeben konnten. Der Pächter hatte während der ganzen Zeit das Gefühl, auf einem Seil zu gehen, das an einer Stelle — doch an welcher, wußte er nicht - angeschnitten war und irgendwann reißen mußte: deshalb setzte er seine Schritte mit größter Vorsicht. Wie er auf die Worte des Grafen reagieren sollte, um das Richtige zu treffen, war ihm' nicht klar. Er wußte bloß — reagieren mußte er, der „Poriz" hatte ihn doch ins Vertrauen gezogen! So tappte Schlojme-Wolf im Dunkeln. Als der Satz „Wir haben leider am Volke schwer gesündigt" an sein Ohr schlug, glaubte er zustimmen zu müssen: 18