Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-09-01 · 11 (September 1934) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
11 (September 1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 17 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695763--379-8245890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

seinen Augen auf, und er war sogar bereit, sich dem Volke zu nähern. Die ganzen Jahre hindurch hatte er in einem Irrtum gelebt, nun hieß es, sich selbst überwinden, dem Volk die Hand bieten, es zu Bürgern erziehen? Doch wie das anfangen? Mit den Bauern konnte er nicht anders als durch die Peitsche reden. Oer Jude stand ihm immerhin näher. So beschloß er denn, den Juden rufen zu lassen und die Sache mit ihm zu besprechen... „Der Gedanke ist gut", sagte er sich. „Die Juden müssen mittun! Wenn die Juden mithalten, werden die Bauern marschieren — sie richten sich stets nach dem Juden: wo der Jude mittut, dort ist für sie die gerechte Sache .. Der Pan war fest entschlossen, den Pächter freundlich zu empfangen und kein einziges Mal den Hund auf ihn zu hetzen. Er wollte sich bemühen, ihn gnädig aufzunehmen, sich ihm zu nähern. Fürs Vaterland war er bereit, alles zu tun! Doch schon beim bloßen Anblick des Juden, der den Pelzkalpak in der Hand zaghaft bei der Tür des Saales stehen blieb und sich ohne Unterlaß vor dem mächtigen Herrn verbeugte, wallte das adelige Blut des Grafen auf, ähnlich dem Feuer, das in Titus' glänzenden Augen beim Eintritt Schlojme-Wolfs aufblitzte. Der Hund wandte den Kopf nach seinem Herrn und wartete auf ein Kommando. „Tais-toi, Titus!" befahl der Graf und ließ sich in einem Fauteuil beim Ofen nieder. Von dort aus musterte er seinen Hausjuden. Endlich hatten Schlojme-Wolfs Bücklinge und Kratzfüße dem adeligen Bedürfnis des Grafen nach Untertanenerniedrigung Genüge getan und den Ehrgeiz seines Standes befriedigt. Sein Herz strömte über von Gnade und väterlich rief er dem Juden zu: „Tritt näher, Schlomko!" Mehr kriechend als gehend, unter unzähligen neuen Bücklingen kam der Rendar bei den Füßen des Grafen an. Dort warf er sich nieder und haschte nach der Hand des Herrn, um sie zu küssen. „Genug, genug!" Leutselig klopfte Wvdawski dem Pächter auf die Schulter. „Steh auf!" Schlojme-Wolf erhob sich mit einem triumphierenden Blick auf den enttäuschten Titus, der, offenbar um sein Bedauern über das seiner Meinung nach unstandesgemäße Benehmen seines Herrn auszudrücken, die Schnauze zwischen die Vorderpfoten klemmte. Der Pan aber wollte dem Juden einen Beweis besonderer Gnade geben: „Schlomko, jetzt darfst du mir nicht bloß eine neue Hose machen lassen, sondern auch einen Rock dazu! Die Zeiten der Trauer sind vorüber, Schlomko!" Der Jude warf sich abermals, so lang er war, zu Boden und suchte die Hand des Grafen zu fassen. Als ihm dies nicht gelang, umklammerte er Wvdawskis Füße: „Porizleben, du machst mich froh und glücklich. Ich schämte mich ja vor den anderen Rendaren, daß mein Poriz in so einem Aufzug herumgeht!" „Was, du hast dich vor den anderen Rendaren deines Herrn geschämt? Du schmutziger Jude meintest du etwa, ich habe kein zweites Paar Hosen?" „Aber Porizleben, wer sagt denn das? Gott bewahre!" — der Jude wurde kreidebleich. „Weiß ich denn nicht, daß mein Poriz ganze Truhen voll Dukaten besitzt?.. Doch der Graf hörte die Beteuerungen nicht mehr. Sein adeliges Blut war in Wallung geraten. Er schob den Juden heftig beiseite und rief: „Titus!" Mit einem Tigersprung war der Hund zu Füßen seines Herrn. Er keuchte vor Eifer und Erregung. „Gott, König in Wahrhaftigkeit!" - - totenbleich begann Schlojme-Wolf das Stoßgebet in höchster Not. „Keine Angst, solange du dich nicht rührst, wird er dir nichts tun. Titus!" — der Graf beugte sich zu dem jappenden Hund. „Der Jude darf sich nicht vom Platze rühren, bis ich zurückkomme!" — damit wandte sich der Herr zum Gehen. Keuchend, mit hängender Zunge, nahm Titus gegenüber dem knienden Rendar Aufstellung. „Porizleben, um üotteswilleu er wird mich in Stücke reißen! Hab' Erbarmen mit meiner Frau und meinen Kindern!" „Fürchte dich nicht! Ich sagte dir schon er wird dir gar nichts tun. Aber rühre dich nicht vom Platz, sonst verschlingt er dich wie eine fette jüdische Schabbeskugel!" Der Pan ließ den Juden mit dem Hund allein. Mensch und Tier standen Auge in Auge einander gegenüber. Das Gesicht des Juden war bläulichweiß und starr wie Marmor, kein Muskel bewegte sich darin. Die weißen Haare des glänzendschwarzen Bartes waren jetzt steif, die Augen glanzlos wie die eines Leichnams. Nicht eine Sekunde lang wandte Schlojme-Wolf den Blick von Titus; seine Zähne schlugen hörbar aufeinander und die bleichen zitternden Lippen murmelten unaufhörlich: „Vater im Himmel, steh mir bei!" Ihm gegenüber stand auf starken Beinen, jeden Muskel des kräftigen Körpers gestrafft, Titus, schwer atmend, als ob er einen steilen Berg bestiege. Die Zunge hing weit aus dem Maule und die angriffslustigen Augen sprühten Phosphor. Weder Hund noch Mensch rührten sich. Schlojme-Wolf wußte nicht, wieviel Zeit bereits vergangen war, spürte auch nicht, daß seine Beine den Dienst zu versagen drohten. Er fühlte bloß, daß das Hemd und der Sabbatkaftan, den er dem Grafen zu Ehren angezogen hatte, feucht wurden und an seinem in Angstschweiß gebadeten Leibe klebten. So würde er nun — dessen war er gewiß — sein Lebenlang stehen müssen, bis der Messias kam und ihn erlöste. Plötzlich hörte er hinter seinem Rücken feste Schritte. Sich umzuwenden, wagte er nicht. Und mit einem Male stand der Pan vor ihm, in der Uniform eines Ulanenoffiziers mit blankem, weißem Ledergurt, goldener Verschnürung, glänzenden Stiefeln u<d hoher schwarzer Kappe, auf der ein weißer Adler, das Em- 17

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.