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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-09-01 · 11 (September 1934) · p. Seite 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
11 (September 1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 16 (sequence 18)
Language
German
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noch aus der Zeit eines Ahnen, der in Padua studiert und die Instrumente und anderen Behelfe mitgebracht hatte, um Alchimie und Astrologie zu betreiben, darunter ein uraltes Fernrohr, das seinerzeit aus Holland eingeführt worden war. Dieses benützte der Graf häufig. Ueberdies enthielt die Schloßbibliothek viele lateinische Bücher mit seltsamen Abbildungen, astronomischen Tabellen, Darstellungen der Zyklen und Epizyklen, kabbalistischen Zeichen, darunter die 10 Sphären und andere Symbole. In seinen vielen einsamen Stunden, besonders bei Nacht, vertiefte sich der Graf in diese Werke und nahm die alchimistischen Experimente seines Ahnherrn, besonders aber die Versuche, Gold zu machen, wieder auf. So hoffte er die Mittel zu gewinnen, um Krieg gegen Rußland zur Befreiung Polens führen zu können. In den Augen seiner Bauern war der Herr ein der Hölle verfallener Unglücklicher, der von Hexen, Teufeln und anderen bösen Geistern in seinem Schlosse gefangengehalten wurde. Wenn seine Wut ausbrach und er sämtliche Bauern des Dorfes auspeitschen ließ, waren sie überzeugt, daß er es nicht aus eigenem Willen tat — denn im Grunde seines Herzens war er ihrer Meinung nach ein guter Mann. Sie schoben die Schuld an diesen Ausbrüchen dem Teufel zu, der ihren bedauernsweiten Herrn „kneipte", und beteten zu Gott, er möge den Pan von den bösen Geistern befreien, die ihn in ihrer Gewalt hatten. Daher schrieben sie auch dem Herrn alle Unglücksfälle zu, die ihnen, ihren Kindern oder ihrem Vieh zustießen. Wenn die Kühe keine Milch gaben, wechselten die Bauern stumme Blicke und deuteten vielsagend auf die schlaffen Euter — sie waren überzeugt, daß die Hexen des Grafen den Tieren die Milch ausgesogen hatten. Selbstverständlich wußte Wydawski, was man über ihn sprach, tat jedoch nichts dazu, den Märchen entgegenzutreten, ja noch mehr — durch sein Verhalten bewirkte er, daß die Legenden ins Phantastische wuchsen. Er sah das Gerede geradezu als Beleidigung seiner Kaste und seiner Ehre an und hielt es unter seiner Würde, etwas darauf zu erwidern oder eine Verständigung mit seinen Untertanen zu suchen. So verbiß er sich immer mehr in Verachtung und Wut und lag bald mit dem ganzen Dorf in Fehde. In seinem Ehrgeiz schwer gekränkt, in seinem Adelsstolz tief verletzt, von seinen Feinden verleumdet, von seinen Verwandten, die auf seinen Tod warteten, gemieden, mit der Welt zerfallen, ein Schrecken seiner Umgebung — so vereinsamte der Graf immer mehr und schloß sich immer eigensinniger von der Welt ab, bis er in den früher geschilderten Zustand verfiel und seinen Hausjuden rufen ließ, was seit lauger Zeit nicht der Fall gewesen war. Denn in den letzten Monaten hatte Wydawski niemanden vorgelassen. *** Beim Parktor des Schlosses angelangt, blieb der Jude stehen und holte tief Atem. Mit einem schweren, gottergebenen Seufzer klinkte er die kleine Gartentür auf. Als er zur Schloßauffahrt kam, hemmte er abermals seinen Schritt. Seine Haut runzelte sich plötzlich, die Angst vor der Gefahr setzte alle Muskeln und Nerven in Bewegung und die Lippen murmelten unaufhörlich: „Vater im Himmel, hilf mir!" Er hatte das Gefühl, als ob Tausende von Hunden mit feuchten, schnuppernden Schnauzen und scharfen, weißen Zähnen in allen Winkeln des großen Hauses darauf lauerten, sich auf ihn zu stürzen. Ganz besondere Aufmerksamkeit schenkten Auge und Ohr der weißen Marmortreppe, die zur gläsernen Eingangstür des Schlosses führte - konnte doch dort plötzlich der Todesengel in Gestalt der Bulldogge Titus auftauchen. Alle tausend Augen, die der Todesengel der Legende nach besitzt, starrten jetzt aus dem Inneren des Schlosses auf den Platz vor der hellen Glastür, um den heitere Sonnenstrahlen spielten. Der Jude aber, der dort stand, verfügte über tausend und ein Auge, über tausend und ein Ohr, und sie alle richtete er auf die Glastür. Doch die Angst des Pächters Schlojme-Wolf war unnütz. Diesmal drohte ihm keine Gefahr, sondern ein freundlicher Empfang erwartete ihn. Denn der Pan hatte ihn rufen lassen, um sich mit dem Juden zu beraten, wie er sich dem Volke nähern könnte. Herr von Wydawski hatte beschlossen, sich dem Volke zu nähern. In der letzten Zeit hatte sich nämlich etwas Wichtiges ereignet. Der Graf hatte auf geheimen Wegen einen Brief von einem alten Kameraden aus der Napoleonzeit erhalten mit der Aufforderung, bereit zu sein. In dem Schreiben hieß es!: „In Warschau finden zahlreiche Verhaftungen statt. Die polnische Oeffentlichkeit ist endlich aus ihrem langen Schlaf erwacht... Die Pariser Juli-Revolution hat der Jugend Polens neue Stoßkraft verliehen. Endlich hatte sie aufgehört, Umzüge zu veranstalten und die Juden zu prügeln. Die Studentenschaft sammelt sich — alle Schichten sammeln sich zur Vertreibung der Russen aus dem Vaterlaude ... Die alten Gardisten Napoleons" — schloß der Brief „müssen wie immer, so auch diesmal in der ersten Reihe stehen. Sie müssen beweisen, daß der Geist des Kaisers noch lebt. Der Adel hat einstimmig beschlossen, sich dem Volke zu nähern, sich mit den Bauern und den Juden zu verbrüdern. Jawohl auch die Juden müssen herangezogen werden. Der Adel hat endlich eingesehen, daß er eine große Sünde gegen das Vaterland begangen hat, indem er das Volk vernachlässigte. Deshalb wurde die Parole ausgegeben, dem Volke näherzukommen, es zu erziehen, daß der Bauer wie der Jude fähig werde, die Würde des Bürgers zu erlangen ..." In Wydawski erwachte der alte napoleonische Geist. Voltaire, der Herold der neuen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Posaunenstöße der Revolution wurden im Geiste des Grafen wieder lebendig. Die erste Wirkung der letzten Ereignisse war, daß der Herr von Topolje mit einem Ruck den Staub von sich abschüttelte, der sich in den Jahren der Einsamkeit auf ihm gesammelt hatte. Der Glanz des Kaiserreiches flammte noch einmal - zum letzten Male in 16

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