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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-09-01 · 11 (September 1934) · p. Seite 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
11 (September 1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 15 (sequence 17)
Language
German
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Schalom Asch: Pan Wydawski will sich dem Volke nähern Der Graf Wydawski von Topolje war ein Freigeist oder nach der kirchlichen Bezeichnung seiner Zeit ein Häretiker, Anhänger Voltaires, begeistert für die Französische Revolution und ihre Devise „Freiheit, Gleichheil, Brüderlichkeit", voll unerschütterlichen Glaubens an den großen Napoleon, an dem er mit wahrhaft abgöttischer Verehrung hing. Er ließ keinen Geistlichen in seine Nähe, besuchte niemals die Kirche. Das war der Ursprung der Gerüchte über seine Verbindung mit bösen Geistern und Hexen, deren Verbreitung im unwissenden Volke die Kirche förderte. Doch alle diese Ideale: Voltaire, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, Französische Revolution, der große Kaiser — hatten nicht die geringste Geltung für sein Land oder für seine Untergebenen, für die Bauern und Juden, die er mit der Peitsche und dem Stock regierte. Seinen eigenen Besitz betrachtete er als eine Art Viehstall, in dem schmutzige Tiere hausten und europäische Methoden nicht angewendet werden konnten, und seine Mitmenschen als unwissende Geschöpfe zweiten Ranges, die für die Freiheit noch nicht reif waren und mit ihr nichts anzufangen wußten. Die Juden ließ er wenigstens einigermaßen gelten — sie waren in seinen Augen nützliche Werkzeuge, ohne die man nicht auskommen konnte, überdies ein interessantes Spielzeug, dessen Schlauheit wenigstens amüsierte; auf so eine Bestie von Zeit zu Zeit einen Hund zu hetzen, machte Vergnügen. Der Bauer dagegen war für den Pan ein zweibeiniges Tier, das nur mit dem Stock beherrscht werden konnte. Der Graf war ein glühender polnischer Patriot, hatte in einigen Kriegen für Polen gefochten und war in der Schlacht bei Leipzig verwundet worden. Für Polen war er bereit, sein Leben zu lassen (auch1 seine Vereinsamung war eine Folge seiner Vaterlandsliebe). Dennoch war es ihm unmöglich, den Begriff „Vaterland" so zu erweitern, daß er über die eigene Kaste hinausging. Polen umfaßte für ihn ausschließlich den Adel. Der Bauer oder der Jude hatten damit nichts zu tun. In dem großen Korsen sah er diee Verkörperung seines Ideals. Für ihn war Napoleon der Retter Europas, der Heiland der Menschheit. Seine Kriege waren Befreiungskämpfe gegen die Tyrannei der kleinen Landesfürsten und Staaten für die Privilegien des Adels. In des Kaisers Siegen sah er die Verwirklichung seines Traumes von der Verbrüderung aller Völker in einem Vaterlande, dem freien Frankreich, unter einem Szepter, dem Napoleons. Die „Gloire" des Kaisers fiel auch auf ihn, auf seine Zeit und seine Weltanschauung zurück. Für Wydawski war Napoleon nicht mehr ein politischer Begriff, sondern gewissermaßen eine persönliche Angelegenheit. Er fühlte sich eng verbunden mit allen Taten des Kaisers, jeder Sieg Napoleons war sein Sieg. Als die Große Armee auf dem Vormarsch gegen Rußland in Polen einzog, schloß sich der Graf ihr an. Er war wohl nicht selbst Kombattant, aber er ließ die stärksten Burschen seines Dorfes ausmustern, steckte sie in Uniformen und gab ihnen Gewehre in die Hand. Doch sie darüber aufzuklären, für wen und wofür sie kämpfen sollten, hielt er nicht der Mühe wert waren doch die Bauern sein Eigentum, mit dem er tun und lassen konnte, was ihm beliebte. Nach Napoleons Niederlage und dem Einzug der Russen in Warschau zog sich der Graf auf sein Schloß zurück, da er es nicht mitansehen konnte, wie der Adel seines Landes sich dem Zaren Alexander unterwarf. Er wartete zuversichtlich auf die Rückkehr des großen Kaisers. Auch nach Waterloo hoffte er noch immer, in Polens Wäldern werde von neuem die Marseillaise erschallen. Manchmal sandte er sogar Stafetten aus mit dem Befehl, sofort Nachricht zu geben, wenn auf den Straßen der Staub unter dem Tritt der kaiserlichen Bataillone aufsteigen sollte ... Dann kam die Zeit, da jede Hoffnung auf die Rückkehr des Kaisers schwand. So zog sich denn der Graf immer mehr von der Welt zurück. Er war verletzt und verbittert. Wenn er mit seinen Nachbarn zusammenkam, gab es ständig Streit wegen des Friedens mit dem Zaren. Wydawski vereinsamte allmählich und verspann sich immer mehr in ablehnende Gleichgültigkeit. Frau und Kind besaß er nicht. Die Vettern und Basen, denen der Besitz nach1 seinem Tode zufallen sollte, gehörten der „jeunesse doree" von Warschau an und amüsierten sich1 auf den Bällen, die der russische Resident im Belvedere gab, um die Jugend zu betäuben. So brach denn der Graf auch mit seiner Verwandtschaft. Er blieb wochen-, ja monatelang unsichtbar und ließ niemanden vor. Das Leben hatte für ihn jeden Sinn verloren. Für wen lebte er eigentlich und wofür? Er dachte an Selbstmord, wollte sich und das Schloß durch Feuer vernichten. Nachts quälten ihn böse Träume, sodaß er sich vor dem Schlaf fürchtete. Es kam dann so weit, daß er überhaupt nicht mehr schlief und die ganze Nacht im Schlosse Licht brennen ließ. Die sonderbare Lebensführung Wvdawskis rief bei seinen Nachbarn Verwunderung und Kopfschütteln hervor. Unter den unwissenden Bauern seines Dorfes aber entstanden - durch geschickte Nachhilfe der Kirche, die dem Grafen seine freigeistigen Ideen nicht verzeihen konnte — die Märchen von seinem Umgang mit bösen Geistern und Hexen ... Den eigentlichen Anstoß zu diesen dummen Gerüchten gab des Grundherrn seltsames Betragen. Die Einsamkeit hatte den Grafen in die Arme der Kabbalistik und Alchimie getrieben. Im Schlosse befand sich für diesen Zweck eine ganze Laboratoriumseinrichtune. 15

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