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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-09-01 · 11 (September 1934) · p. Seite 14

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
11 (September 1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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mordprozesses gegen einige Posener Juden gewährte Sonnenfels wirksame Unterstützung, indem er dem König August III. mit seinem Eide bekräftigte, daß das Judentum keinerlei verbrecherische Blutriten kenne, worauf tatsächlich die Einstelking des Verfahrens gegen die noch nicht Gehenkten oder Gelynchten erfolgte. Auch früher schon war ein Buch von ihm zur Widerlegung ähnlicher Verleumdungen erschienen, nämlich „Judaiea sanguinis nausea 1753". Man sieht, daß den aufrechten Mann keine Rücksichten abhaltein konnten, sich für seine verfolgten Brüder und den Glauben seiner Väter einzusetzen. Daß ihn jüdische Probleme und Themen früher wie später beschäftigten, zeigen zwei Aufsätze; der erste erschien als Vorrede zu dem Werk seines Vaters „Coniroversiae cum Judaeis prodromi libri duo", der zweite erfolgte in Form eines Sendschreibens an Pater Domin. Ferdinand Sterzinger über die zwei hebräischen Wörter Chartumin und Bellehatehem. An der Abfassung des sogenannten josefinischen Judenpatentes von 1782 hatte auch Sonnenfels unmittelbaren und mittelbaren Anteil. In die Unsterblichkeit aber eingegangen ist Sonnenfels durch sein unerschrockenes Eintreten für die Abschaffung der Tortur. Schon vor ihm allerdings hatte die ganze gesittete Menschheit anläßlich des berüchtigt gewordenen Justizmordes an dem unschuldigen Calas in Toulouse Protest erhoben, die französischen Enzyklopädisten und italienischen Humanisten an der Spitze. Berühmt wurde das Werk des Italieners Cesare Beccaria „Dei delitti e delle pene" aus dem Jahre 1764. Darum aber ist Sonnenfels' Verdienst (gemeinsam mit Hofkanzler Freiherrn von Hormayr und Professor von Leber), was Oesterreich betrifft, nicht geringer. 1775 veröffentlichte er in Zürich seine große Schrift „Ueber die Abschaffung der Folter". Naturgemäß machte diese Abhandlung das größte und unliebsamste Aufsehen. Die Kaiserin ließ ihm sagen, er möge seine Bemühungen unverzüglich einstellen, widrigenfalls er seiner Professur verlustig gehen könnte. Daraufhin ließ er die Kaiserin um eine Audienz bitten, die ihm auch gewährt wurde. Wie der österreichische Historiograph Wurzbach mitteilt, spielte sich der Vorgang hiebei nach Sonnenfels' eigenen Worten folgendermaßen ab: „Als S. in den Audienzsaal getreten war, ließ sich die Kaiserin auf einen Sessel nieder und S. begann — nach damaliger Hofsitte auf einem Knie ruhend — den Vortrag. Die Kaiserin nahm wahr, daß ihm diese Stellung beschwerlich sei und sagte zu ihm: „Knie Er sich näher zu mir und lege er seine Schriften auf meinen Schoß." Sonnenfels kam diesem Auftrage nach und hielt mit seiner bekannten Rednergabe einen glänzenden Vortrag für die Abschaffung der Tortur. Am Schlüsse dieses Vortrages traten der davon tief ergriffenen Kaiserin Tränen in die Augen, und im diesem Augenblick vergaß S. die Hofsitte, erhob sich von dem Knie und sprach mit Begeisterung die Worte: „Wenn Europa diese Tränen in den Augen der größten Monarchin unserer Zeit gesehen hätte, so würde es keinen Augenblick zweifeln, daß die Tortur in Oesterreich sogleich abgeschafft wird." Die Kaiserin trocknete die Tränen, legte ihre Hand auf des Redners Schulter und sagte zu ihm: „Laß' Er's gut s'ein, die Folter wird abgeschafft!" Am 2. Jänner 1776 wurde durch öffentliche Kundmachung in allen österreichischen Staaten die Tortur aufgehoben; diesem Beispiel folgten in kurzer Zeit alle Staaten Europas. — Sonnenfels' Bild wäre nicht vollständig, wollte man verschweigen, daß sein Ehrgeiz, seine Ichsucht und Eitelkeit nicht gering waren. Aber das dürfte man eigentlich keinem Großen vorwerfen — oder allen. Was einen nicht gehindert hat, etwas zu leisten, darf uns nicht hindern, seine Leistungen anzuerkennen. Ehrgeiz, Egoismus, Eitelkeit und Eifersucht auf neue Talente sind stets die Begleiterscheinungen des Genies gewesen und Sonnenfels hat sie mit viel Größeren geteilt. Hat Sonnenfels, den man den Lessing Oesterreichs nannte, sich gegen Lessing selbst unschön benommen und seine Berufung nach Wien nicht gefördert oder wirklich gar hintertrieben, so genüge es, diesem einzigen wunden Punkt in seinem Leben den Hinweis darauf entgegen zu stellen, daß selbst ein Goethe sich1 noch weniger edel gegenüber Kleist oder dem jungen Schiller verhalten hat. Es war eine lohnende Aufgabe, in einer Zeit, da man im Juden nur das „zersetzende" Element sieht und ihm das Recht absprechen will, am öffentlichen Leben seiner Wohn- und Wahlheimat teilzunehmen, an einem Beispiel — einem unter vielen — zu zeigen, daß die kritischen Geistesfähigkeiten der Juden wohl vereinbar sind mit positiven und wahrhaft staatsfördernden Leistungen. Und mit Genugtuung sei noch die Feststellung angeschlossen, daß Sonnenfels, dem es im Leben an Aemtern, Würden und Titeln nicht gemangelt hat, fast vermögenslos starb. Einer glücklicheren Epoche, der zweiten Hälfte des IQ. Jahrhunderts, war es vorbehalten, sein Andenken der Nachwelt durch die Errichtung seines Standbildes aufzubewahren. Es wurde 1867 enthüllt, an dem Tace, als man in Oesterreich die Prügelstrafe und das In- Ketten-legen abschaffte. 14

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