Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 13 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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konservativ an der Tradition festhaltende Oesterreieh stetig vorwärtszubringen, wie er, der Jude, gegen den Aberglauben, gegen Erziehungsmängel, gegen die übermäßigen Vorrechte des Adels und der Klöster, gegen die Lieblingsvergnügungen der Masse, gegen die Qual des Strafverfahrens kämpfte, ist fast ohne Beispiel in der Geschichte. Es ist der Mühe wert, hier einen Bruchteil der Werke und Vorträge aufzuzählen, die er im Laufe seines Lebens verfaßte: „Ueber die Liebe des Vaterlandes; Ermunterung zur Lektüre an junge Künstler; Von dem Verdienste des Portraitmalers; Ankündigung von neun Predigten über das Vaterunser; Von der Teuerung in großen Städten und dem Mittel, derselben abzuhelfen; Vierzig Sätze über die Bevölkerung; Rede von der Notwendigkeit, seine Muttersprache zu bearbeiten; Betrachtungen über die neuen politischeil Handlungsgrundsätze der Engländer; Von der Un zul ängli chic e it der alleinigen Erfahrungen in den Geschäften der Staatswirtschaft; Ueber den Geschäftsstil; Lehrreiches Alltagsbuch vom Unterricht, Vergnügen und Nachdenken; Ueber die Stimmenmehrheit bei Kriminalurteilen; Bemerkungen über die neue Gesindeordnung etc. etc. Recht eigentlich populär wurde er erst durch seinen Kampf gegen die geistlose Hanswurst- und Stegreifkomödie, deren beliebtester Vertreter damals der Schauspieler Kurz-Bernardon war. In Vorträgen und Schriften, vor allem aber in seinen „Briefen über die wienerische Schaubühne" eröffnete Sonnenfels einen schonungslosen Feldzug gegen die Zoten und Clownerien auf der Bühne und den Unfug der extemporierten Stücke. Trotz Förderung durch gleichgesinnte Freunde und Zustimmung aus den Kreisen der Gebildeten und Gelehrten wurde es ein jahrelanger Krieg gegen drei Fronten. Das leichtlebige Wiener Völkchen wollte sich seine liebste Hauptbelustigung, die Schauspieler ihre erfolgreichste Hauptbeschäftigung nicht rauben lassen, die Regierung aber, die Kaiserin an der Spitze, hielt die Angelegenheit anfänglich nicht für ernst und wichtig genug, um sich damit zu befassen. Maria Theresia äußerte sich folgendermaßen: „Die Komödianten sind eine Bagage und bleiben eine Bagage und der Herr Hofrat von Sonnenfels könnte auch etwas Besseres tun als Kritiken schreiben." Einige Theologie-Professoren, die seine Fehde gegen das Theaterunwesen als diffamierend für einen Universitäts-Professor ansahen, hielten, wie Sonnenfels in einem Briefe mitteilt, „Blutrat" ab, um ihn vom Lehrstuhl zu entfernen. „Aber anstatt mich zu stürzen, sahen sie mit Herzensweh meine Grundsätze Wurzel schlagen." Andererseits spielten ihm die Schauspieler auf der Bühne übel mit. In Klemms Komödie „Der auf den Parnaß versetzte grüne Hut" wurde Sonnenfels als Hanswurst auf die Bühne gebracht, sein Gang, seine Miene, seine Sprache täuschend nachgeahmt. Die Italiener verhöhnten ihn in einer Operette. Der Schauspieler Stefanie d. J., dessen Wohltäter Sonnenfels Jahre hindurch gewesen, schrieb ein Stück „Der Jodler nach der Mode", worin Sonnenfels als „Hader" auf die Szene gebracht und wegen seines Verhaltens gegen Lessing verspottet wurde. Gleichzeitig erschien eine Flugschrift gegen ihn, als den Vorkämpfer gegen Freiheitsunterdrückung und den Freimaurer: „An Herrn S., Glut der Maulaffenloge am Graben." Es half alles nichts. Die Kaiserin ließ ihn nicht fallen und sein Anseilen wuchs von Tag zu Tag. Es wurde ein völliger Sieg. Die ethische Höherwertigkeit des Schrifttums in Oesterreich datiert von jenem Kampf, der mit der Vertreibung der öden Possenreißern von der Bühne endete. Joseph von Sonnenfels Wie weit auch sonst seine Interessen reichten und wie vielseitig sein Wissen war, mag man aus der Tatsache ersehen, daß er in zweijährigen zähen Bemühungen die Einführung einer neuen Stadt- und Vorstadtbeleuchtung durchsetzte. Maria Theresia anerkannte dieses Verdienst folgendermaßen: „uachdeme dieses Werk Sonnenfels so gutt geführt, so soille er noch selbes kontinuiren mit 2000 fl. aus dem illumnationsfondo remuneration und gratis den Hofraths Titl doch also, das er seine Dienste bei Regierung continuire, bis eine Gelegenheit kome, ihme weiter zu plasirn m. p." Sonnenfels, der sich inzwischen mit Theresia Hay, der Schwester des nachmaligen Bischofs von Königgrätz, verheiratet hatte, gewann maßgebenden Einfluß, sein Urteil bekam internationalen Klang. Bei Gelegenheit eines langjährigen niederträchtigen Ritual- 13