Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Albert Rosenegg : vck sSowtenfieit Wer die packende und imposante Erscheinung Joseph von Sonnenfels' richtig' erfassen will, wird sich zuerst mit seiner Zeit, dieser vielleicht großartigsten Epoche der österreichischen Monarchie und sicher einem der tröstlichsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, ein wenig beschäftigen müssen. Kriege und Not gab es, wie immer, auch damals, und sie waren nicht gering; die innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten waren riesengroß, kaum zu bewältigen; ein Staat, ein Reich war in Umbildung, in Neubildung begriffen und wir Heutigen verstehen, was für eine welthistorische Mission damals begonnen wurde: das Deutsche Reich war verloren, a b e r d i e Donaumonar c h i e wurde gebor e n. Und welche einzigartigen Menschen waren es, die Oesterreich regierten! Maria Theresia hatte 40 Jahre den Thron inne, eine kaum weniger bedeutende Erscheinung als etwa Elisabeth von England oder Katharina von Rußland, nur hatte sie vor diesen einen großen Vorzug voraus: sie war der Inbegriff aller bürgerlichen Tugenden. Lange hat ihr die Geschichtsschreibung unrecht getan; sie war keine engstirnige Despotin, sondern nur eine gute Bürgerin auf dem Thron. Wer ihre Lebensgeschichte liest, wird überrascht durch die zahlreichen Momente der Aufgegeschlossenheit, des Mutes, der Gerechtigkeitsliebe dieser Frau. Und ihr zur Seite stand ihr Sohn Joseph II., ohne Zweifel die edelste Gestalt, die jemals ein großes Reich regierte, der großherzigste und dabei geistvollste Herrscher, den die Geschichte aufzuweisen hat. Es ist darum kein Zufall, daß von einer Zeit, die solche Gestalten hervorbrachte, das Licht der Aufklärung ausging, einer Bewegung, die, getragen von den besten Köpfen, die besten Ziele verfolgte und in ihren Anfängen segensreich wirkte. Daß sie später verflachte und in einen nüchternen Rationalismus verfiel, gehört in ein anderes Kapitel. In Oesterreich schlössen sich ihr die geistreichsten Männer an, und es lohnt wohl, die Gesellschaft aufzuzeigen, in der auch Sonnenfels zu Ansehen und voller Entfaltung seiner Persönlichkeit gelangen konnte. Da war vor allem der Leibarzt Maria Theresias, van S w i e t e n, als Nachfolger Boerhaves, da waren die Schul- und Theaterreformatoren G e b 1 e r und Birkenstock, der Rechtsphilosoph und Lehrer Josephs Martini, der Kirchenrechtsprofessor Riegler, der gegen die Hexenprozesse und Teufelsaustreibungen zu Felde zog, der Graf Ayala, der die „Frei- und Gleichheit des Bürgers und Menschen" verfaßte, der Buchdrucker Trattner, Herausgeber der „Wiener Gelehrten - Nachrichten", der Staatsminister Graf K o 1 o w r a t-K rakowsky, der Theologe und Gustos Michael er, der Mineraloge Hofrat Born und viele andere, lauter tapfere, geistvolle und gesinnungsstarke Männer, die übrigens mit Sonnenfels zusammen in einer Freimaurerloge waren. Unter solchen Gestirnen ging auch Sonnenfels' Stern auf. Er war - dem großen englischen Staatsmann Disraeli-Lord Beaconsfield vergleichbar, der auch unter einei großen Herrscherin, der Königin Viktoria, trotz seines Judentums zu den höchsten Würden gelangte — der Enkel des Berliner Stadt- und Landrabbiners Rabbi Michael, dessen Sohn Perlin Lipman nach Nikolsburg auswanderte, unter dem Einfluß der dortigen Piaristen und der fürstlichen Familie Dietrichstein sich zum Katholizismus bekehrte, dann Lehrer der orientalischen Sprachen der Wiener Universität wurde und später das Prädikat Edler von Sonnenfels erhielt. Joseph, geboren 1733, studierte zuerst Philosophie und Theologie, trat dann freiwillig als Rekrut bei den in Klagenfürt stationierten Deutschmeistern ein, blieb aber nur fünf Jahre Soldat und wandte sich dann dem Jusstudium zu. Die Gründung der „Deutschen Gesellschaft" zum Zweck literarischer Tätigkeit - die Anfänge einer selbständigen österreichischen Literaturbewegung —, deren Programmschrift Sonnenfels zu verfassen hatte, drängte ihn auf die Bahn des Schriftstellers. Hier vorläufig materiell nicht reüssierend, nahm er eine Stelle als Rechnungsführer bei der Arcieren-Leibgarde an, machte dadurch wertvolle Bekanntschaften und erhielt durch sie 1763 die neuerrichtete Lehrkanzel der „Polizei- und Kriminalwissenschaft". Von da ab begann sein Aufstieg, der seinem vielseitigen Wissen, seiner immensen Arbeitskraft und seinem unerschütterlichen Mut zuzuschreiben ist und umso höher gewertet werden muß, als man ja in dem Neophyten immer den versteckten Juden witterte, der nur das jüdische Interesse im Auge habe. Wäre nicht Maria Theresia und Joseph gewesen, die seine Vaterlandsliebe kannten, so wäre er bald verfemt und ausgestoßen gewesen. Was er in den Jahrzehnten bis nach der Jahrhundertwende als Professor und Rektor, als referierender Rat bei der Studien- und Zensurkommission, als Vizepräsident der Hofkommission des politischen Gesetzwesens, als Vizepräsident der K. K. Akademie der bildenden Künste, nicht zuletzt als Schriftsteller und Vortragender leistete, ist geradezu phantastisch. Wie unerschrocken er bestrebt war, das 12