Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 11 (September 1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Bereitwilligkeit vorhanden, aber es fehlt jede genauere Erkenntnis möglicher Wege und Ziele. Und in jüdischen Kreisen herrscht volle Ratlosigkeit. Man glaubt nicht an eine Dauer der Haßwelle, aber man glaubt auch nicht daran, daß man mit irgendwem zusammenwirken könnte, um eine gemeinsame Front des Aufbaues zu schaffen. Man vertraut platonisch den „Menschenrechten" und — wartet. Natürlich, wenn man an die Gnade der Entwicklung glaubt, kommt man zu keinen klaren Gedanken und zu keinen klaren Entschlüssen. Die Adepten der materialistischen Geschichtsauffassung haben ihr Vertrauen auf die Selbsttätigkeit der Entwicklung bitter bereuen müssen. Die Entwicklung bringt Voraussetzungen und Möglichkeiten, an den Menschen Hegt es, sie zu nutzen und zu Wirklichkeiten zu gestalten. Heute, zum ersten Male seit fast zweitausend Jahren, hat sich die Wirklichkeit der Beziehung von Kirche und J u d e n t u m verändert. Das ist wohl ein Memento. Und man sehe doch einmal selbst, wie heute katholische Kreise denken. Außerhalb Oesterreichs herrscht in jüdischen Kreisen ein beklemmendes Gefühl, denn man meint, daß das Land, in dem ein Dr. Karl Lueger zuerst in wirksamer Weise das politische Mittel des Antisemitismus mit propagandistischem Erfolg verwendet hatte, den Juden keineswegs gut gesinnt sei. Und nach diesem Gefühl empfindet man auch in jüdischen Kreisen in Gesterreich. Man vermeint, als Jude die Zukunft in Oesterreich düster beurteilen zu müssen, auch deshalb, weil die Verwaltungspraxis in manchen Fällen zu solchen Ausblicken verleiten könnte. Man beurteilt die neue katholische Linie in Oesterreich vom Standpunkt der Juden ungünstig, obwohl die Blutereignisse klar erwiesen haben, wem in Wirklichkeit der Judenhaß ah Kampfmittel gilt. Das Mißverständnis ist leicht erklärlich. Der Jude sieht in der Kirche nur den Wunsch, Juden zur Taufe zu schleppen. Daher scheut er vor einer B er ü h r u n g mit k a t h o 1 i s c h e n Kreis e n, gar m i t d e r K i r c h e und i h r e n Organen s e 1 b s t. Man v e rs u c h e es doch, Dinge zu seh e n u n ci wirkliche Interessenlagen zu nehmen wie sie sind. Die jüdische Lage wird allenthalben ganz verworren. Mit staunenswerter Offenheit beurteilen die russischen Kreise die Judenabschlachtung in Constantine als Zeichen der gegen die Juden gerichteten panarabischen Einigungsbestiebungen, denen das jüdische Palästina als Stachel im arabischen Fleisch erscheine. „Daher" so lautet die russische Ansicht sei Palästina für die Juden verloren, und „daher" sei den Juden zu raten, sich dem russischen Kommunismus anzuvertrauen. In Palästina ist denn auch die Juden - herrschaft vielfach marxistisch durchsetzt, ein sehr peinlicher Tatbestand, wenn man die russische Prognose über ein jüdisches Palästina als Illustration zu dieser marxistischen Einstellung der palästinensischen Juden betrachtet. Eine geradezu schmerzliche Gro - teske. Noch schmerzlicher, wenn man dann erfährt, daß sich Japan bemüht, 50.000 deutsche Juden in Mandschukuo anzusiedeln, also in nächster Nähe der jüdischen Siedlung in Rußland (Biro-Bidschau) und mitten im Kampfgebiet eines in naher Aussicht stehenden russisch-japanischen Krieges. Dann werden - die Durchführung dieser Anregung angenommen die aus der deutschen Hölle „befreiten" Juden sich im Wechselspiel mit den russischen Experimentierjuden von Biro-Bidschan brüderlich niederschießen dürfen und wechselseitig der Spionageverdächtigung und der Geiselverschleppung ausliefern. Also eine geradezu phantastische, phantasieerfüllte tragische (iroteske, ein Judenschicksal in extremster Ausarbeitung. In Europa bereiten sich Entscheidungen von großer Tragweite vor. Die Macht in Deutschland gleitet allmählich auf konservative Kreise zurück, die sich gedanklich um den Hohenzollernbegriff gruppieren, während die Gegenkräfte — innerhalb Deutschlands die marxistischen Kreise, außerhalb Deutschlands die Schwarze Front Otto Strassers mit dem Sitz in Prag eine kommunistische Fortsetzung der deutschen Tragödie anstreben. Wie sollen sich die deutschen Juden in Deutschland politisch einstellen, bei sich selbst orientieren? Rund um Oesterreich neigt die Donaufrage zur Entscheidung. Die jüdischen Siedlungen in den einzelnen Donaustaaten sind ausnahmslos politisch desorientiert. Sie wollen sämtlich unbedingt staatstreu sein und glauben, gerade deshalb verpflichtet zu sein, dem Nachbarstaat etwas feindselig oder mißtrauisch gegenüberzustehen. Die Juden übersehen dabei, daß es in Wirklichkeit keine Konflikte zwischen den einzelnen Donaustaaten gibt, da sie alle aufeinander angewiesen sind und daß dementsprechend alle Worte und Handlungen, die man als Rivalität oder Mißtrauen oder Gegnerschaft auslegen könnte, nichts anderes sind als das Endstadium in der zwangsläufigen Entwicklung zur Zusammenarbeit, wobei die Autonomien staatlicher Prägung als gesichert angesehen werden können. Gerade diese Verhältnisse im Donauraum zeigen sehr instruktiv, wie Juden sich im Hexenkessel der Weltpolitik zu verhalten haben. Sie müssen klar und einfach sehen lernen, einfach die wirkliche Interessenlage beurteilen und unbedingt treu ihrem Staate ergeben sein. Die Ergebenheit zu Staat und Regierung ist allüberall Staatsbürgerpflicht. Gleichzeitig dürfen die Juden in jedem Donaustaat mit ruhigem Gewissen freundlich über die Grenzen sehen, mit der Freude im Herzen und im Sinne, daß Mißtrauen schwindet und entsprechend dem Aufeinanderangewiesensein auch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit im Werden ist. Und daß es daher gut ist, kulturelle Brücken zu schlagen und die bedingungslose Ergebenheit g e g e n ü b e r d e m eigenen Vaterland mit dem (iefühle wohlwollendster V e r b u n d enheit m i t den jüdischen Brüdern ii b e r d e n (i r e n z e n zu vereinigen. Hans K a n d 1. 5