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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-09-01 · 11 (September 1934) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
11 (September 1934)
Date
1934-09-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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faden im <Kexenketed de* WeUndUUt Der Haß des Dritten Reiches gegen uns Juden ist kein echter Haß, er ist ein Ersatz für das Haßmotiv des Klassenkampfes, die Vertauschung des Haßgegenstandes des ausbeuterischen „Bourgeois" durch den „wahrhaft" ausbeuterischen Juden. Der Haß gegen die Juden wird mit einer Enthüllung gepredigt, mit der als sensationell gedachten Entdeckung des „wahren" Bedrückers der Menschen, des nach der Weltherrschaft trachtenden Juden. Natürlich, wenn man sich aus irgendwelchen Gründen in einen Haßrausch hineinredet, dann glaubt man ihn am Ende selbst. Wenn man jemanden lieben möchte, weil es bequem wäre, die Früchte der Liebe zu genießen, dann glaubt man zu lieben. Und wenn man ohne Liebe besser zu fahren glaubt, dann glaubt man auch an das Fehlen der liebenden Empfindung. Der Judenhaß des Dritten Reiches ist ein umgekehrter -Sex appeal, ein Sex appeal des Hasses, der von den Juden ausstrahlt, weil man sie gerne hassen möchte. Denn der Judenhaß, so glaubt man, lohnt sie h. Man muß die Massen für etwas und gegen etwas begeistern. Massen, die bereits hassen — Haß der Proletarier gegen die Bourgeoisie —, muß man auf ein anderes Haßobjekt mit gesteigertem Haß ablenken, wenn man sie auf einen anderen „Sozialismus" umstellen will. In Algerien kann man den Franzosen in sehr einfacher Weise unbequem werden. Man schürt den Haß der Araber gegen die in manchen Städten sehr zahlreich wohnenden Juden und diskreditiert damit die französische Kolonialverwaltung. Die Gleichheit der Haßrichtung erzeugt dann zwischen dem Dritten Reiche und den algerischen Arabern eine natürliche Interessensympathie: gleicher Haß gegen die Juden. Es wird keine deutsche Propaganda betrieben, sondern eine Haßpropaganda gegen die Juden, so wie man keine russische, sondern eine „kommunistische" Propaganda betreibt, beispielsweise in China oder in Indien, wo rein russische Interessei diese „soziale" Propaganda antreiben. Allmählich wird aus dem Haß, den man sich aus bestimmten ferner liegenden Gründen selbst eintrichtert, ein echter Haß. Aber der Judenhaß entsteht meistens nicht, weil die Juden irgendwie hassenswert erscheinen, sondern weil man Gründe hat, den Judenhaß als politische Waffe zu schätzen und zu gebrauchen. Unter dem Schutze des Judenhasses läßt es sich trefflich tarnen. Man brüllt in überschäumendem Judenhaß und verficht damit ganz andere Interessen, die man nicht offen benennen will. So ist etwa die gefährlichste Waffe im Kampfe des Dritten Reiches um die Herrschaft in Oesterreich der Judenhaß, da der Judenhasser gerne und unwillkürlich alles vergißt, was s:ch ei ischme'che'nd um die Haßorgie windet. Im Judenhaß vergißt er, daß er gegen sein eigenes Vaterland Bomben wirft und wird zum Vaterlandsverächter, ohne die Schande des Hochverrates innerlich zu empfinden. Auch die Juden empfinden den ganzen Betrug, der um diesen Haß gerankt ist und sie winden sich wohl in Schmerzen unter den Hieben des Hasses, aber sie glauben, daß der Betrug ans Tageslicht treten muß und dann der Haß wieder abebben müsse. Eine staunenswerte Zuversicht läßt sehr viele Juden deshalb inmitten der oft ganz fürchterlichen Auswirkungen des neuen Judenhasses recht zukunftsfroh empfinden. Es ist ein Glaube an die vor eineinhalb Jahrhunderten verkündeten „Menschenrechte", welche die ühettomauern niedergerissen haben, der diese Zuversicht begründet. Unverdrossen lebt der weitaus größte Teil der deutschen Juden weiter im Dritten Reiche und diese Juden sind weit weniger haßbetroffen, niedergeschlagen und bedrückt, als man erwarten würde. Sie glauben! Nicht gerade an ihren alten Gott, sondern an die Menschenrechte und an ein Erwachen. Es wäre vergeblich und auch gar nicht menschlich, diese Zuversicht etwa grausam stören zu wollen. Aber man muß mit ganz fester Hand die Naivität entlarven, die sich hinter dieser Zuversicht verbirgt und die großes Unheil heraufbeschwören kann. Vor allem sei auf eine ganz merkwürdige und kennzeichnende Erfahrung hingewiesen, die sich ziffernmäßig beweisen läßt. Das eigentliche Mittel des Dritten Reiches in seiner Arbeit gegen Oesterreich war die Predigt des Judenhasses, die besonders dort auf fruchtbaren Boden fiel, wo man - in der Provinz wenig Kontakt mit Juden besitzt oder Juden in Wirklichkeit nicht kennt. Der Kampf selbst ging nur in der ersten Zeit gege 1 die Juden. Bald richtete sich die von Judenhaß gezeugte Brutalität, die ein jüdisches Todesopfer gefordert hatte, gegen die Kirchen und gegen katholische Persönlichkeiten. Es wurde zum Haß gegen die Juden aufgerufen und der Haß tobte sich gegen die Kirche und gegen die katholischen Oesterreicher aus. Die einfachste Ueberlegung sollte deshalb die Erkenntnis bringen, daß der Kampfruf gegen „Alljuda" nur ein Kampfmittel ist, um einen ganz anderen Kampf zu „tarnen". Man sollte meinen, daß die Katholische Kirche, als diese Erkenntnis blutig deutlich geworden war, sofort den Versuch hätte unternehmen müssen, die Judenhaßmethode zu entlarven und zu enttarnen, um sich einfach selbst zu schützen, und man sollte meinen, daß die Juden sich alle Mühe geben müßten, mit der Katholischen Kirche vor allem nach dieser Richtung eine praktisch wirksame Verständigung zu suchen. In Wirklichkeit besteht auch in allen echt österreichischen katholischen Kreisen ein unbestimmtes Gefühl, es müsse dem Haß entgegengewirkt werden. Jeder Versuch, offenherzig Schritte zur Entwurzelung der Haßmethoden beizutragen, wird jetzt von dieser Seite mit Freude begrüßt. Es ist bereits eine e c h t e 4

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