Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 32 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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ßH©&©@BS€H Geleitet von Alfred Kanter Nervöse Menschen im Spiegel der Handschrift Wie die Handschrift ein naturgetreues Spiegelbild des seelischen und geistigen Geschehens ist, wie sie mit der Feinheit eines Seismographen jeden Wesenszug des menschlichen Charakters registriert, so zeigt sie auch Veränderungen in seiner physischen Beschaffenheit mit erstaunlicher Genauigkeit. Vor allem muß die Zerrüttung der Nerven, aus der Hast und Schwere des Existenzkampfes geboren, auch der Schrift ihren Stempel aufdrücken. Tatsächlich vermag die Schrift als Gradmesser des Nervenzustandes oft ein sehr anschauliches Bild zu geben. Jeder einzelne wird oft bemerkt haben, daß seine Schrift wesentlich anders aussieht, wenn er in einem Zustande der freudigen oder verstörten Erregung schrieb, wenn er ruhig und gesammelt ist oder wenn er zerfahren, nicht bei der Sache, wenn er mit Freude oder mit Gleichgültigkeit das Schriftstück abfaßt. Man hat daraus oft einen Einwand gegen die Graphologie geformt, den man mit hundertprozentiger Sicherheit in jeder Aussprache, in der über Schriftforschung gesprochen wird, zu hören bekommt. Man hört immer wieder, wie könne denn die Schrift Aufschluß über den Cha-, rakter und das Wesen des Menschen geben, wenn sie in jeder Stimmung anders aussehe, wenn jeder weiß Gott wieviele Schriften hätte. Nun, das ist nicht ganz so. Wohl ändert die Schrift ihr Bild mit den geänderten Stimmungen und Nervenverfassungen und gibt infolgedessen über sie Aufschluß, aber die ürundzüge der Schrift bleiben doch immer die gleichen, denn sie sind vielzusehr mit der ganzen Wesensart des Menschen, mit seiner ganzen seelischen und physische?! Veranlagung verwurzelt. Auch die Gesichtszüge verändern wesentlich ihren Ausdruck, wenn der Mensch Schmerz und Freude empfindet und es bleibt immer das gleiche Gesicht. Schrift ist Bewegung, Bewegungen entsprechen der Individualität des Menschen und seiner augenblicklichen Verfassung. Der ruhige, gesunde Mensch mit dem widerstandsfähigen Organismus, mit dem gesunden Nervensystem wird sichere, feste, gerade Bewegungen ausführen. Seine Schrift wird ein ruhiges, harmonisches Aussehen haben, die ein. zelnen Federzüge werden glatt und straff sein. Der unruhige, überreizte Mensch, der hastet, der zu nichts Zeit hat, alles überstürzt, wird auch hastige Bewegungen ausführen, seine Schrift ist zerfahren, ungleichmäßig, weist ausfahrende Züge auf. Daß man aus Zitterzügen auf starke Nervosität schließen kann, ist ja jedem ohneweiteres klar, allerdings muß man hier in der Beurteilung vorsichtig sein, denn eine Zitterschrift kann auch auf weit schwerere Symptome hinweisen, von einfacher Nervosität oder Alterserscheinungen bis zu Zerstörungen durch Gifte aller Art, zu schweren physischen oder geistigen Erkrankungen. Der erfahrene Graphologe kann aus den schleppenden, gehemmten Bewegungen der Schrift erkennen, ob Nervenstörungen vom Großhirn oder vom Rückenmark ausgehen. Eigenartige Züge formt die Paralyse. Sie schafft nebst vielen markanten Auslassungen auch zahlreiche Wiederholungen. Man kann aus den Schriftzügen erkennen, ob das Nervensystem durch Ueberarbeitung geschwächt ist oder von Haus, aus eine schwächliche Gesamtverfassung da war. Eine sehr flotte, allzu schwungvolle und doch mit Spitzen versehene Schrift weist auf manisch erregbare Menschen hin; eine enge, kraftlos sinkende auf den müden, depressiven. Es läßt sich in der Schrift genau unterscheiden, ob die sensorischen (Empfindungs.) Nerven oder die motorischen (Bewegungs-) Nerven gestört sind. Es ist natürlich unmöglich, in Form eines Zeitungsartikels alle Arten von Erkrankungen, auf die die Handschrift Hinweise gibt, auszuführen, und noch weniger, dies ausführlich zu begründen. Aufgabe dieses Aufsatzes sollte es lediglich sein, auf die verschiedenartigen Möglichkeiten der Schriftforschung hinzuweisen. Wohl befindet sie sich gerade auf dem Gebiete der Krankheitserkennung in den Anfangsstadien, aber es lohnt sich, hieran zu arbeiten. Hier ist fruchtbares Neuland. Jeder unserer Leser kann sich des graphologischen Fragekasfens bedienen. Dieser wird von dem bekannten Wiener Graphologen Alfred Käufer geleitet. Zur Erlangung einer Analyse sind mindestens zehn Zeilen Tinfenschrift sowie Angabe von Geschlecht und Älter erforderlich. Wir berechnen unseren Lesern für eine Analyse nur einen Druckkostenbeifrag von S 1.20, der in Marken beizulegen ist. Es ist ferner ein Kennwort anzugeben, unter dem die Veröffentlichung erfolgt. Einsender, die auf besonders rasche Erledigung ihrer Anfrage Werf legen, legen frankiertes Retourkuvert bei, und erhalten brieflichen Bescheid. Ausführlichere Analysen gegen Einsendung von Schriftproben und genauen Geburtsdaten sowie S 3.50 in Marken und frankiertem Refourkuverf. Großes Charakterbild S 10.—. Für Ausland internationaler Äntwortkupon. Beantwortung der Anfragen „Frontkämpfer". Der Kampf scheint hier mehr Wunsch als tatsächliche Natur, die Kampfkraft nämlich. Sie sind eine durchaus weiche und schmiegsame Natur, der die rücksichtslose Härte, die Sie für notwendig befinden, fehlt. Hingegen ist eine ziemlich anspruchsvolle Eitelkeit und Geltungsbedürfnis da, der Wunsch, sich in Szene zu setzen. Dies mag im Umgang weit störender wirken, als Sie es ahnen mögen. Man fühlt sich nicht wohl im Umgang mit Menschen, die es für nötig befinden, den eigenen Wert zu sehr zu betonen und sich immer in den Mittelpunkt zu stellen. Ansonsten mögen Sie ja tüchtig sein, rührig, mißtrauisch und in der Beurteilung anderer off ziemlich kritisch. 32