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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-08-01 · 10 (August 1934) · p. Seite 26

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
10 (August 1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 26 (sequence 28)
Language
German
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tB&d&t deh Heimat Von Dr. L. Moses Es ist ein schöner Sonntagsmorgen. Auf dem Bahnsteig finden sich in größeren Gruppen Jäger ein, die mit Stutzen und Feldflaschen bewaffnet, in den schon buntgewordenen Waldpartien und auf den leeren Stoppelfeldern des Landes nördlich von Korneuburg dem Jagdvergnügen huldigen wollen. Auch ich gedenke heute wieder einmal auf die Jagd zu gehen, wenn es auch ein ganz anderes Wild ist, dem ich hier an der Landesbahnstrecke nachstelle. Mich führen Spuren längstverschollener Judensiedlungen in dieses von Bodennebel dampfende Hügelland des Ernst- Ii r u n n e r Waldes und so verlasse ich an einer einsamen Haltestelle endlich den Zug, um den fernab von aller Verbindung mit der Welt liegenden Ort MichäStetten zu erreichen. Stundenlang führt nun der Weg bergab, bergan im Angesichte des höchsten Berges der Gegend, des Buschberges. Von Juden ist natürlich weit und breit keine Spur zu erblicken. Aber auch sonst ist es so ziemlich menschenleer im weiten Umkreis und nur in der Wächterhütte eines Steinbruchs an der Straße kann ich mich des rechten Weges vergewissern. Heftig bläst der Wind von den Höhenzügen der nahen mährischen Grenze herüber, aber es war schließlich doch sommerlich warm im freundlichen Sonnenschein geworden, als der altertümliche Kirchturm von Michlstetten im gelben Laub eines Berghanges auftauchte. Einst soll Michlstetten, wie ja vielleicht schon der Name andeutet, ein Städtchen gewesen sein und noch heute wird ein Ortsteil die Altstadt'' genannt. Gute, reine Luft und klares Wasser machen den Ort zu einer beachtenswerten Sommerfrische. Vor drei Jahrhunderten aber war er, mag auch damals die Reisebüro MARIENBRÜCKE, I., Rotenturmsfr. 26 Telephon R 24-2-86 und R 24-2-87 Allmonatlich die schönsten Palästina- Reisen zu den billigsten Pauschalpreisen mit und ohneLandarrangemenf. Sichern Sie sich jetzt einen Platz für unsere Reise 11 Rosch Haschanah im heiligenLand if mit der „VULCANIA" (36.000 t) ab Wien am 24. August 1934 Straße nach Nikolsburg und Brünn ebensowenig wie heute Michlstetten berührt haben, wenn schon nicht wirklich städtischen Charakters, so doch der Sitz der Hofhaltung blühender Geschlechter. So saßen in den Sechzigerjahren des 17. Jahrhunderts die Herren von Pohl heim auf dem nunmehr verfallenen Schlosse von Michlstetten und wie überall dort, wo dieses Geschlecht begütert war, finden wir hier denn auch nicht nur lange Zeit einen der Sitze des Protestantismus in Niederösterreich, sondern auch bis zum Jahre 1671 eine kleine Gemeinschaft von sieben JudenfamilieJi. 3k%d ZRaiia-Atdage Beleuchtungsu. Installationsmaterial Gas- und elektrische Bügeleisen etc. kaufen Sie vorteilhaft bei ANNA HAMPEL Wien HL, Baumgasse 41 Tel. B 51-1-91 Zeitgemäße Preise! Zahlungserleichterungen! Es dürften Nachkommen dieser Michistettner Juden sein, die später im nahen Nikolsburg den Namen Michlstetter führten und von dort aus sich verbreitet haben. Im Jahre 1662 zahlten die Juden von Michlstetten an das Vizedomamt zu Wien an Hauptgeldern und Anlage insgesamt 50 Fl 10 kr, im Jahre 1666 bereits 51 Fl 7 kr und im Jahre 1660, als knapp vor der Judenvertreibung aus Niederösterreich ihre Zahl auf sieben Familien angewachsen war, 51 Fl 40 kr. Abgesehen von diesen Toteranzgeldern hatten die Juden von Michlstetten natürlich noch an die Grundherrschaft bestimmte Abgaben zu entrichten. Ein Vergleich mit den Abgaben anderer kleiner Judensiedlungen des Landes aus derselben Zeit läßt darauf schließen, daß die sieben Familien von Michlstetten über ein durchschnittlich gutes Einkommen verfügten. Wir wissen zwar nicht viel über ihre Lebenshaltung, aber eine aus dem Jahre 1819 stammende Niederschrift der Pfarrchronik weiß noch zu berichten, daß bei dem Abtritt des jetzigen Pfarrhofes, an dem ein kleines Wässerchen vorbeifließt, ein jüdisches Bad, „JudentHck" genannt, gewesen und daß sich bei dem Hause Nr. 20 eine Synagoge befunden haben soll. Wahrscheinlich waren in der Nähe des jetzigen Pfarrhauses und somit auch in der Nachbarschaft des Schlosses die Häuser der Juden gestanden, im übrigen aber erzählt nur noch eine alte Frau, deren Vater vor hundert Jahren das Haus Nr. 20 umgebaut hatte, der Besitzer habe damals geäußert, daß jetzt erst wieder ein christliches Haus daraus werde. 26

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