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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-08-01 · 10 (August 1934) · p. Seite 27

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
10 (August 1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 27 (sequence 29)
Language
German
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Reich an Erinnerungen ist dieser schöne verborgene Erdenwinkel. Man erzählt von einem „pumperten Weg" und von einem „Katzenloch" im Walde, von unterirdischen Wasserläufen und Zufluchtsorten räuberischer Wiesel, leider will es aber nicht mehr gelingen, einen hebräischen Grabstein, der sich vor Jahrzehnten noch hier befunden haben soll, zu eruieren. Wahrscheinlich ist auch in diesem Falle Versäumtes nicht wieder gutzumachen und so bleibt mir denn nichts anderes mehr übrig, als auf demselben Wege, den ich gekommen, Michlstetten wieder zu verlassen, um meine Jagd nach jüdischen Denkwürdigkeiten andernorts fortzusetzen. Ostwärts führt der Weg der Ebene an der March zu. Rebenbestandene Hügel machen weiten Rübenfeldern Platz und an den Haltestellen stauen sich lange Züge voll Zuckerrüben, die den zu Beigen aufgetürmten Segen der Ebene in die Raffinerie bringen sollen. Auch der Ort, der für heute das Ziel meiner Wanderung bildet, ist ein solcher Rübenproduzent. Nieder-Absdorf, langgestreckt zu Füßen von Schloß und Kirche, kann so recht als der Typus der wohlhabend-behäbigen Orte dieser Gegend angesehen werden. Das Schloß, das sich allerdings bei näherem Zusehen als ein großer Gutshof entpuppt, ist Eigentum der fürstlichen Familie L i e cht e n st e i n. Gegenwärtig ist das Gut freilich an einen jüdischen Großindustriellen verpachtet, dem die große Zuckerfabrik gehört, nach der alle Güterzüge der Gegend rollen. Auch im Schutze dieses Schlosses hatten vor mehr als zweieinhalb Jahrhunderten sechs, zuletzt sogar zehn Judenfamilien gewohnt, die außer den Abgaben an die Herrschaft an das Vizedomamt im Jahre 1662 Toleranzgelder in der Höhe von 26 Fl 4 kr, 1669 aber bereits 32 Fl 40 kr bezahlten. Im Gebäude des sogenannten „Kriminals" soll sich die Synagoge von Nieder-Absdorf befunden haben, die hebräischen Grabsteine aber, die auch hier einmal vorhanden gewesen sein sollen, sind ebenfalls nicht mehr auffindbar. Alle diese Juden des flachen Landes von Niederösterreich, als deren Vertreter wir die von Michlstetten und Nieder-Absdorf ein wenig näher betrachten konnten, liebten das Land, das ihnen zur Heimat geworden war. Denn als sie es im Jahre 1671 — dem. Zwange gehorchend und nicht dem eigenen Trieb — verlassen mußten, siedelten sie sich1 meist in der nächsten Nähe der Heimat, die einen in Nikolsburg oder E i s g r u b, die anderen in St. Johann an der March, in Gairing oder Malacka an. Und von hier aus hielten sie noch lange den Zusammenhang mit der österreichischen Heimat aufrecht, bis nach Hotel MülütOM iagxejßi (JUGOSLAVIJA) Neues Haus direkt im Zentrum - Jeder Komfort Jahrhunderten die Rückwanderung möglich ward. In dem prachtvollen Verwalter des Gutes Nieder-Absdorf sehe ich sie nun wieder auferstanden, jene in echt jüdischer Weise sowohl mit der Scholle als auch im Geist und Gemüt mit dem Gesamtjudentum, mit seinen Leiden und Hoffnungen verwachsenen österreichischen Juden der früheren Jahrhunderte. Denn dieser Gutsverwalter, der da breitspurig auf frischgepflügtem Boden vor mir steht und mit Stolz von dem niustergiltigen Ertrag seiner Wirtschaft spricht, er spricht mit derselben Begeisterung und Wärme auch von seinem Sohne, der in Palästina arbeitet, und meint, daß auch er selbst, trotz seiner vorgerückten Jahre, noch gerne seine Erfahrungen als praktischer Landwirt in den Dienst des heiligen Landes stellen würde. Wer die Echtheit solch zweifacher Heimatliebe bezweifeln möchte, möge nur an das Beispiel der Deutschen in Nordamerika denken, die ebenso gute Deutsche wie Bürger ihrer Republik sind. j SILBERWARENERZEUGUNG jJOSEF HALLER « Wien, VIII., Lerchenfeldersrraße 122 Telephon A 21-7-97 j Reichhaltiges Musferlager von Tempelgeräten, Tafelsilber, Schmuck etc. f 27

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