Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 25 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Unveröffentlichte Nordau-Briefe Von Gustav Seidc.mann, Wien Im Jahre 1891 lernte ich Dr. Nathan Birnbaum in Wien kennen, der damals die „Selbst-Emanzipation" herausgab. Vom Jänner 1892 an war ich ständiger Mitarbeiter dieser zionistischen Zeitung und bis auf den heutigen Tag bin ich in Verbindung mit Dr. Birnbaum, der gegenwärtig in Scheveningen lebt und den „Ruf" herausgibt. Ende des Jahres 1892 verließ ich Wien, um nach Bosnien zu gehen, wo sich mir eine Existenz bot. Es war wohl selbstversfändlieh, daß ich auch in Bosnien mich bemühte, zionistisch tätig zu sein, und ich konstatiere gerne, daß ich dort ein recht dankbares Arbeitsfeld, hervorragende Mitkämpfer fand. Freunde, mit denen ich noch in Verbindung bin. Es gäbe über Vieles aus der damaligen Vor- Herzlischen Zeit zu berichten — ich will heute nur erzählen, wie ich mit Max Nordau in Verbindung kam. Es ist allgemein bekannt, daß das Auftreten Dr. Herzls alles zionistisches Leben in der Welt zum Aufflammen brachte. Wo immer Zionisten wohnten, begrüßten sie die machtvolle Persönlichkeit, die mit einem Schlage die ganze Tätigkeit konzentrierte. Eines Tages, es war im April 1899, kam ein Freund aus Wien zu mir auf Besuch. Er erzählte mir über die Vorgänge in Wien und davon, daß Herzl, angewidert von den Angriffen, denen er ausgesetzt war, die Absicht habe, sich von der Bewegung zurückzuziehen. Diese Mitteilung erregte mich sehr, ich war mir bewußt, welche große Gefahr für das Werk entstehen würde, wenn Dr. Herzl sich zurückzöge. In meiner Aufregung schrieb ich an Dr. Herzl einen Brief, worin ich ihn bat, sich nicht beeinflussen zu lassen, sondern auszuharren. Ich kann mich natürlich heute nicht erinnern, was ich alles schrieb. Es war der erste Brief und ich war nicht unbescheiden genug, anzunehmen, daß er ein Echo finden würde. Wie gesagt, ich ließ mich nur von meinen in Aufruhr geratenen Gefühlen leiten. Um so größer war meine Ueberraschung, als ich am 3. Mai 1899 von Dr. Max Nordau einen Brief bekam, dessen Inhalt ich nun folgen lasse: 34. Avenue de Villiers, Paris, 30. April 1899. Sehr geehrter Herr! Ich beglückwünsche Sie zu den Gesinnungen, die Sie in Ihrer gefälligen, mir durch das Actions-Comite mitgeteilten Zuschrift vom 17. d. M. ausdrücken. Ich danke Ihnen auch für Ihre Zeilen, die ich nicht auf mich, sondern auf Dr. Herzl beziehe. Ich bin überzeugt, daß sie ihm wohlgetan haben werden und ich wünschte nur, daß Kundgebungen ähnlicher Art häufiger an ihn heranträten. Was mich betrifft, so habe ich häufig genug erklärt und ich wiederhole es Ihnen nochmals, daß ich mich nicht als „Führer" betrachte. Ich bin ein Jude und thue meine Judenpflicht. Wenn ich mir schmeicheln will, so sage ich mir, daß ich einer der Dreihundert von Gideon bin, einer Auslese von 22.000 und 10.000 angehörend, unter den auserlesenen Dreihundert aber ein Soldat in Reih und Glied. Selbstverständlich werden wir alle weiterkämpfen, solange wir glauben dürfen, daß auch nur ein kleiner Theil des jüdischen Volkes dieselbe/n Ideale hat, wie wir. Nur wenn unser Volk fast einmütig seinen Protestrabbinern, bankleitenden Gemeindevorstehern und decadenten Schriftstellern Recht und uns Unrecht geben wird, werden wir den Kampf aufgeben und uns darauf beschränken, unser jüdisches Ideal im eigenen Herzen zu pflegen, unser Volk aber wegen seines Zustandes sittlicher Verkommenheit oder geistiger Beschränktheit zu beklagen. Sie glauben, daß es uns an Geduld fehlt? Sie verkennen die Sachlage. Wir haben das Bewußtsein, vom Stamme Jobs zu sein. Es wird an uns — natür-, lieh nur von Juden - - mit einer Ruchlosigkeit, mit' einer Feigheit, mit einer teuflischen Bosheit gesündigt, daß wir oft an unserem Stamme verzweifeln möchten und uns trostlos fragen: „Wie konnten wir zu solcher Erniedrigung herabsinken? Wir sagen aber kein lautes Wort von dem, was in unserer Seele vorgeht und halten auf den Posten aus, wohin die Pflicht uns gestellt hat. Um unsere Geduld .zu würdigen, müßte man alle Nichtswürdigkeiten kennen, die an uns verübt werden, und die kann kein Fernstehender kennen, der immer nur einen Theil der jüdischen Presse, Literatur und Vereine in beiden Welten erblickt. Nochmals warmen Dank und brüderlichen Gruß von ihrem ergebensten Dr. M. N o r d a u. Ich hatte das Glück und die Freude, mit Dr. Nordau seit damals bis knapp vor seinem Tode in Verbindung zu stehen. Briefe wurden gewechselt und zumindest zu Rosch- Hasdianah kartlich gratuliert. — Sein letzter Brief ist vom 5. Oktober 1922 datiert. Er lautete: 14. r. Henner, Paris (IX), 5. October 1922. Mein sehr geehrter Herr Seideinann! Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Neujahrsglückwünsche und Grüße, die ich von ganzem Herzen erwidere. Wir leben fürchterliche Zeiten, die Verwirrung der Menschen nimmt weiter an Häßlichkeit zu. Wir haben uns an unsere Ideale still und melancholisch zu halten. Der gegenwärtige Zionismus ist ein Traum, der uns teuer ist, aber ich fürchte, etwas Reales haben wir zur Zeit nicht zu erwarten. Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Worte in Betreff meines Befindens. Mein Zustand ist immler noch sehr schlecht. Ich kann nicht arbeiten und was das für Jemand bedeutet, der sein Leben lang nützlich tätig gewesen, ist einfach entsetzlich. Möge das neue Jahr glücklicher als das vergangene sein. Das wünscht Ihnen in Treue Ihr aufrichtig ergebener Dr. M. Nordau. Besuchet das Elife-Kaffeehaus- C OTT beliebt und bekannt in Europa *Ei Ä © IR M HS Jurisiceva 18. Tel. 38-12 25