Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 23 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCHBESPRECHUNGEN Tragödie der Heimatlosigkeit. Josef Kasfein widmet sein neuestes Werk den Juden in Deutschland. Iis ist besonders bedeutsam, daß dieses Buch in Palästina erschienen ist. Der neue Verlag, The Palestine Publishing Company Ltd., Jerusalem, beginnt damit seine Tätigkeit, die sich, wie wir hören, auch auf in Deutschland verbotene jüdische Schriftsteller in deutscher Sprache erstrecken wird. Der Untertitel dieses Werkes ist von immenser Bedeutung für die Juden und insbesondere für die deutschen Juden. Bis vor zwei Jahren hat die Mehrzahl der deutschen Juden das Wort von der Heimatlosigkeit nicht verstanden. Daher ist gerade jetzt keine Abhandlung so aktuell, wie eben eine solche, die die Tragödie der Heimatlosigkeit zum Gegenstand hat. Josef Kastein schreibt die endlose Tragödie von der Heimatlosigkeit der Juden. Wir sind fast gewillt zu sagen, daß er sie zeitlos darstellt, obgleich er sich den Kähmen des ausgehenden 13. Jahrhunderts wählt. Dargestellt wird das Heimatlosenschicksal des Süßkind von T r i m b e r g, des jüdischen Minnesängers, der uns aus der Manessischen Handschrift bekannt ist. Süßkind von Trimberg geht als Jude in eine ihm wesens- und strukturmäßig andere Sphäre. Er kann sich behaupten und ist ein fahrender Sänger, der sicher über dem Durchschnitt steht, und doch muß er am Schluß seines Weges bekennen, daß er eines Toren Fahrt mit seiner Kunst gefahren ist, er will deshalb die Höfe fliehen und sich den langen Bart des Juden wachsen lassen. „Nach alter Juden Lebensart will ich jetzt weiter ziehen. Mein Mantel, der soll wesen lang, tief unter einem Hute. Demüfiglich soll sein mein Gang, und nie mehr sing ich höfischen Gesang, seit mich die Herren schieden von dem Gute." Den Gang zurück sind jetzt viele gegangen; daher mutet das ganze Schicksal des Süßkind wie eine Spiegelung unserer Zeit an. Kastein zeigt uns in außerordentlich interessanter Darstellung die Welt, das Denken jener Zeit. Man kann wahrlich sagen, daß alles schon einmal dagewesen sei, denn das Schicksal des heimatlosen Süßkind könnte wesensmäßig das des 20. Jahrhunderts sein. In dem fünften und letzten Kapitel, das Kasfein die Heimkehr des Werkes nennt, zieht er selbst, ohne es auszusprechen, diese Konsequenz. In diesem Kapitel schickt Kastein seinen Helden heimwärts, und er spricht ihm die Berechtigung ab, anderen Völkern Werke und Leistungen zuzutragen, solange der andere nicht nach gleichen Maßen gestalten will. Er verwehrt ihm, das Eigene gegen Fremdes einzutauschen. Liest man dieses Buch, das der Verlag sehr sauber herausbringt, so kann man nicht anders, als sich vor dem großen Könner Kasfein dankend verbeugen. Aus diesem Buch und besonders aus dem fünften Kapitel spricht eine Liebe und Begeisterung für sein Volk, die uns mitreißt. Die Stilistik Kasteins ist von einer Reinheit und Schönheit, wie sie uns jetzt besonders, wo uns das deutsche Wort nicht ständig im Ohr tönt, wohltut. Josef Kastein hat mit diesem Werk die Tragödie der Heimatlosigkeit durch Erkenntnis schon bis zu einem gewissen Grade aufgehoben. Er ruft Süßkind und alle seine Brüder heimwärts. Der Ruf aber muß gehört werden! Hans Trainer. Die Bedeutung des Rassenfaktors. Die Rassentheorien der Nationalsozialisten und ihrer Vorläufer (Gobineau, H. St. Chamberlain) sind politische Kampfdogmen, sind ein Rüstzeug für politische Zwecke. Keine Wissenschaft, sondern politischer Wille. Die Ueberlegenheit der nordischen Rasse wird behauptet, weil man politische Ambitionen derselben erfüllen will. Wenn ein Staat — Preußen — andere Staaten zu beherrschen strebt, dann muß er von seiner „Sendung" überzeugt sein. Heute sagt man dort nicht „Sendung", sondern „rassische Ueberlegenheit". Natürlich kann man im Kampf gegen diesen Expansionsdrang des Preußentums auch das Detail seines Waffenarsenals zu bekämpfen versuchen. Man kann also beispielsweise fordern, daß die sogenannte Rassenfheorie auf ihre „wissenschaftliche" Stichhältigkeit untersucht werde. Wohin solche Untersuchungen führen müssen, hat ihr Anreger, Dr. Ignaz Zollschan, in einer kleinen (im Reinhold-Verlag in Wien erschienenen) Broschüre: „Die Bedeutung des Rassenfaktors für die Grundfragen der Kulturmorphologie" darzulegen versucht. Er stellt Fragen zusammen, die beantwortet werden müßten, wenn man sich wirklich „wissenschaftliche" Klarheit über die Rassentheorie verschaffen will. Und an diesen Fragen erkennt man die Frage selbst. Beispielsweise: „Lassen die geographische Uebersicht über die Plätze der ältesten Skelettfunde und die anthropologische Beurteilung von deren charakteristischen Eigentümlichkeiten Schlüsse zu betreffs des Anfeiles bestimmter Regionen oder bestimmter noch heute lebender Rassen an den entscheidenden Phasen der Kulturentwicklung?" (S. 17.) Gewiß, so und anders müßte gefragt werden und sollte gefragt werden. Aber darum scheint es sich doch nicht zu handeln, denn die „Wertigkeit" einer Menschengruppe festzustellen, ist und bleibt dem subjektiven Urteil des Wertenden überlassen und wenn die Höchstwertung von der betreffenden Rasse selbst vollzogen wird, dann ist diese Wertung eben Werk sprechen 23