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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-08-01 · 10 (August 1934) · p. Seite 18

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
10 (August 1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 18 (sequence 20)
Language
German
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land, als einen Tag hier" aufgehetzt hatte, wurde aus dem Kolonistenlager vertrieben und fand in der Wüste den Tod. So kam es, daß die europäische u:id ägyptische Presse sich allzuviel mit Friedmann beschäftigte. Alles Mögliche und Unmögliche wurde ihm in die Schuhe geschoben. Man war nicht so sehr ob der strengen Zucht erbost, als über das neue, unbequeme Wort vom „Jüdischen Reich". Kolonisation, wie sie Baron Hirsch versucht hatte, könnte, wie man meinte, nicht schaden, aber Kolonisation mit „fixen Ideen", phantastischen Utopien, das glaubte man nicht zulassen zu dürfen. Friedmann wurde schließlich als Mörder und Irrsinniger hingestellt. Er aber ließ sich nicht abschrecken. Seine Arbeit durfte nicht ruhen. Eine Expedition, wie die nach Madiau, schrieb Paul Friedmann in einem Brief vom IQ. Jänner 1892, kann nicht auf eiserne Disziplin verzichten. Glaubt man, in Schermoje so handeln zu können, als ob man in Wien auf dem Ring wäre? Pacta servanda! Hier gilt es, aus schwachen Elementen tüchtige Menschen zu machen, einen Stamm zu bilden, um den sich die jüdische Nation schare 1 kann. V. Jetzt trat eine Wendung ein. Die Türkei witterte schon lange hinter den Friedmannschen Plänen die Gefahr der Errichtung eines jüdischen Staa.es auf türkischem Boden. Sie begann Schwierigkeiten zu machen. Auf der Yacht „Israel" befanden sich gegen 100 Gewehre, die Friedmann vom k. u. k. Reichskriegsministerium in Wien erhalten halte. Die türkische Seepolizei hatte es nun auf das Schiff „Israel" abgesehen. Hievon erfuhr die österreichische Gesandtschaft in Konstantinopel und berichtete an das k. u. k. Ministerium des Aeußern in Wien. In diesem Bericht meinte sie, daß es sich empfehlen würde, Herrn Friedmann, der sich gegenwärtig in Kairo aufhalte, einen Wink zukommen zu lassen, die diplomatischen Agenten in Aegypten zu veranlassen, Friedmann zu warnen. Was auch tatsächlich geschah. Die türkische Regierung war lange Zeit darüber in Zweifel, welche Großmacht hinter Friedmann stehe. Sie war überzeugt, daß er immer mehr Juden nach Madian bringen werde, daß von hier aus die Errichtung eines jüdischen Staates mit Einschluß Palästinas geplant sei. Obwohl weder England noch Aegypten an einen Erfolg der Judenkolonisation glaubten, räumten sie Friedmann verschiedene Hindernisse aus dem Wege, umsomehr, da sie ihn für einen anständigen Schwärmer hielten und die türkische Regierung desorientieren wollten. Friedmann war es sehr recht, den Anschein zu erwecken, als stünde hinter ihm ein mächtiger Staat. Die Türkei nahm nun wirklich die Judenexpedition zum Anlaß, einen militärischen Einfall nach Madian zu inszenieren. Türkische Soldaten marschierten ein. Hiedurch schienen die Chancen Friedmanns verbessert, da die dortigen Araber die Judenkolonisation mit Freude begrüßten. Die Araber erwarteten den Einmarsch der Soldaten des „befreundeten Staates" Friedmanns, um mit ihnen die verhaßten Türken zu vertreiben. Friedmann legte Galauniform an und zog in Begleitung mehrerer Beduinenscheiks und Juden den türkischen Soldaten nach Dubbak entgegen in der richtigen Voraussetzung, daß diese Soldaten noch keine genauen Instruktionen ihrer Regierung erhalten haben konnten, wie sie sich den Judenkolonisten gegenüber zu verhalten hätten. Er glaubte auch, hiedurch das Selbstbewußtsein der jüdischen Emigranten und die Achtung der Beduinen vor den Juden zu steigern. Die türkischer. Soldaten präsentierten das Gewehr vor Friedmann und den Judenkolonisten. Das wirkte! „Das sind keine Soldaten, vor denen sich die Juden fürchten müssen", meinte Paul Friedmann. Die Leiter der Expedition arbeiteten nun einen Plan aus, wie man die türkischen Soldaten vertreiben könnte. Die Türken wollten trotz erhobenen Einspruches seitens der Bewohner Madians und der ägyptischen Regierung Dubbak nicht verlassen und Friedmann beschloß die Vertreibung der Türken im offenen Kampfe. Aber die Judenkolonisten weigerten sich, die Türken mit Waffen zu verjagen. Friedmann eilte nach Kairo, um Aegypten zu bewegen, mit Hilfe der Juden militärische Gruppen zu organisieren, um die Türken aus Madian zu verjagen. Unterwegs, in Suez, erfuhr er, daß der ägyptische Major Frith bereits den Befehl erhalten hatte, diese Aufgabe durchzuführen. Aber es blieb schließlich nur bei dem Befehl. Unternommen wurde nichts. Nun setzten die Diplomaten und Politiker ein. Es folgten Verhandlungen, Sitzungen. Die Türkei fragte bei der ägyptischen Regierung an, mit welchem Rechte sie eine Judenkolonisation in Madian gestatten könne, obwohl ihr dieses Gebiet nur zur Adminitration überlassen worden war. Mukhtar Pascha, der Vertreter der Türkei, stellte Untersuchungen an, um festzustellen, was Paul Friedmann mit den Gewehren beabsichtigte und ob die Yacht „Israel" gepanzert sei. Seine Berichte und die der Gouverneure der benachbarten türkischen Provinzen steigerten die Beunruhigung des Sultans. Schließlich erfolgte eine türkische Demarche bei Lord Salisbury. Die Türkei blieb Sieger. Aegypten und England zogen ihre Hand von Friedmann ab. VI. Damit war Friedmanns Plan lahmgelegt, seine Absichten gescheitert. Er löste die Verträge mit den Juden und sie zerstreuten sich in alle Welt. Friedmann fand sich lange nicht ab und träumte weiter von der Verwirklichung seines Planes, zur „Ehrenrettung" der Juden einen jüdischen Staat in Madian zu errichten. All das geschah fünf Jahre vor dem Erscheinen der Broschüre „Der Judenstaat" von Herzl. Zu dieser Zeit weilte Theodor Herzl als Berichterstatter der „Neuen Freien Presse" in Paris. Es ist anzunehmen, daß Herzl über Friedmanns Absicht, ein jüdisches Reich in Madian zu errichten, informiert war. Denn in den Nummern der „Neuen Freien Presse", welche Pariser Berichte Theodor Herzls brachten, waren auch Notizen über die Affäre Friedmann enthalten gewesen. 18

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