Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Not und Elend. Kurz, es ging jahrelang drunter und drüber. Wie half sich nun schließlich der Staat? Er schrieb über die Verlassenschaft des 1721 verstorbenen Emanuel Oppenheimer die Lizitation aus, versteigerte sein Haus und setzte eine Inquisitions-Kommission unter dem Vorsitz Kollonitschs ein, die kurzerhand Betrug durch Einstellung falscher Posten, Fingierung von Lieferungen und Entleihung von Proviant und Munition aus den kaiserlichen Magazinen feststellte und errechnete: ,,Somit schuldet die Firma dem Aerar an Kapital aus der Zeit von 1697—1703 665.432 fl., an Zinsen bis 1723 885.922 fl., zusammen also 1,521.354 fl." So unrühmlich und gewiß nicht verdient war das Ende dieses Kriegsgewinners vor 230 Jahren und seines Hauses. Voriges Jahr hat man die Befreiung Wiens von der Türkengefahr anno 1683 gefeiert. Aber Oppenheimer, der diese Gefahr bannen geholfen hatte, dessen Verdienst an der Befreiung groß war, wurde nicht erwähnt. ... Man wird sagen, Oppenheimer sei ein echt jüdischer Schieber gewesen. Er tat aber in Wirklich, keit nichts anderes, als späterhin Kriegsminister, Finanzministcr, Großbanken und Generalintendanten zu tun hatten. Er tat es nicht als Staatsbeamter oder Bankdirektor, sondern als „Hofjude". Und darum war er ein echt jüdisches Schicksal gewesen. Josef Fränkel: IM D I Mp etft QAöUiumtdK judeHStaat Vorliegender Arlikel stützt sich insbesonders auf Dokumente des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs. (Faszikel: Türkei XVIII.) I. Im Jahre 1891 erschien in Berlin, als Manuskript gedruckt, ein kleines, 18 Seiten starkes Büchlein mit einer lithographischen Tafel „Das Land Madian". Eine trocken-sachliche Schilderung dieses Ländchens. Daten über Wirtschaft, Klima und Bevölkerung. Madian, ein Teil des Midian der Bibel, zieht sich an der Westküste Arabiens hin, von Akabah bis zur Hafenstadt El Widsch. Die Gesamtbevölkerung betrug im Jahre 1891 etwa 23.000 Einwohner auf zirka 20.000 bis 24.000 km2, also ein Bewohner auf einen Quadratkilometer. In Aegypten, welches ein ähnliches Klima wie Madian hat, wohnen auf fruchtbarem Lande über 300 Menschen auf 1 km2. Madian, ein Streitobjekt zwischen der Türkei und Aegypten, war in jener Zeit eine ägyptische Provinz, während die Hafenstadt El Widsch unter türkischer Herrschaft stand und von einem türkischen Zivilgouverneur verwaltet wurde. Die Oberaufsicht über Madian führte ein ägyptischer Major, der Kommandant der Haggarforts, welcher alljährlich auf einige Monate dorthin kam und die arabischen Gouverneure in Akabah und Mweilah waren ihm unterstellt. Für Sicherheit im Ländchen sorgte eine Garnison von 27 Mann. Während Aegypten mit geringem Verständnis dieses Gebiet verwaltete, zogen sich die Türken durch ihr rohes Gewaltsystem und durch ihre unfähige Wirtschaft den Haß der Einwohner zu. Liest man das Büchlein, so gewinnt man den Eindruck — und sicherlich war dies die Absicht des Verfassers —, daß in Madian erfolgreiche Kolonisation betrieben werden kann. Ein Land ohne Bewohner mit vielen Möglichkeiten. Der Autor spricht nicht direkt aus, daß hier eine Judenkolonie, ein Judenstaat errichtet werden soll. Nur zweimal wird das Wort „Jude" gebraucht. Er meint, daß man in Madian die Christen verabscheue, aber auch das Wort „Jahud" in verächtlicher Weise gebraucht. Aber die Madianer kennen die Juden nicht und würden gegen jüdische Einwanderer keine Abneigung haben. Madian war zur Zeit Salomonis und seiner nächsten Nachfolger ein Teil des jüdischen Reiches gewesen. II. In einem Bericht des Berliner Polizeipräsidiums an den Reichskanzler und Minister für auswärtige Angelegenheiten, General der Inf. v. Caprivi, aus dem Jahr 1891, wird als Autor dieser anonymen politischen Schrift der Rentner Paul Friedmann (am 26. April 1840 zu Königsberg geboren, Protestant) bezeichnet. In anderen Dokumenten wieder als Jude, mit einem Jahreseinkommen von 21.600 bis 25.200 Mark. Obgleich Nichtjude, sagt der Polizeibericht, zeigt er doch großes Interesse für Unterbringung der aus Rußland ausgewiesenen Juden, geht aber „eigene Wege", nicht die des Baron Hirsch, und hat sich dem unter Hirsch gebildeten internationalen Komitee nicht angeschlossen. Paul Friedmann macht große Reisen, war oft im Orient, und wo man ihn kennt, erfreut er sich eines guten Rufes. So lautet der Bericht des Berliner Polizeipräsidiums an den Reichskanzler. Paul Friedmann entstammte tatsächlich einer angesehenen, vormals jüdischen Familie Deutschlands. Er selbst war getauft, weilte längere Zeit als Ingenieur in England, machte viele Reisen, hielt sich in Aegypten, Madian und Palästina auf, zeigte immer großes Verständnis für die nationalen Interessen der Juden und verwendete sich in selbstloser und uneigennütziger Weise für die Judenkolonisation in Arabien. Ende der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts kannte er nur ein Ideal: „Einen Judenstaat in Madian". In Madian? Madian liegt hart an Palästina, welches damals von der mißtrauischen Türkei streng abgesperrt wurde. Er dachte daran, die Judenkolonie in Madian in einem günst ig en Zeitpunkt auf Palästina auszudehnen. 16