Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695761--327-8245839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
langen von mir, daß ich Euch zu ihnen hinführq, wenn ich Euch schon einmal um mich geschart habe ...." Bialik war klug. Die geistige Ehre des Judentums. Bialiks literarisches Schaffen konzentriert sich vom Tage, da er Palästinas Boden unter den Füßen hat, auf das, was er das ^Hebräische Buch" nennt. Er bearbeitet die Bibel für die Jugend, die Aggada des talmudischen Schrifttums für das Volk; er übersetzt Werke der Weltliteratur ins Hebräische und schreibt eine Reihe grundlegender Aufsätze. Er bezeichnet die Eine Karikatur Ch. N.'ßialiks Veranstaltung moderner Ausgaben unserer früheren hebräischen Dichter als seine Hauptaufgabe. Aus dem schöpferischen Dichter wird ein nachschöpferischer Sammler. Durch solche Ausgaben soll die „-geistige Ehre'" und das „ewige Leben des Volkes" gerettet werden. Die literaturgeschichtliche Tätigkeit Ch. N. Bialiks bedeutet für das geistige Judentum so viel wie das zionistische Werk für das animalische. In der Synthese der beiden liegt das Judentum als nationale Einheit. Er war einzig! ,(,Die Massen des jüdischen Volkes haben eine dunkle Ahnung, daß der Tod des einen Mannes ein nationales Unglück sei. Aber die einfachen Seelen können sich noch nicht im entferntesten Rechenschaft ablegen von der Tragweite des Unglücks, das sie trifft, das uns alle trifft. Solange er da war, lebend, handelnd, allen Forderungen der Lage gewachsen, allen Notwendigkeiten genügend, allen Gegnern seine Brust bietend, hielt man es für ganz natürlich als ob das immer so sein müßte, als ob es gar nicht anders sein könnte. Jetzt aber, nachdem er verschwunden ist, werden die ungeheure Lücke, die er gelassen die Unmöglichkeit, ihn zu ersetzen, dem jüdischen Volk allmählich das richtige Verständnis für seine Bedeutung beibringen und es ihm ermöglichen, die Größe seines Verlustes zu ermessen." Das schrieb Max Nordau, als Herzl starb. Mit kleinen Modifikationen gilt diese Betrachtung auch für Bialik. Auch er war einzig. Keiner kann uns die Brücke zum altjüdischen Geist so bauen wie er, keiner kann uns die urjüdische Mahnung an das Erbe der Väter so geben wie er. „Denn hier", schrieb kürzlich ein Kenner des hebräischen Schrifttums und ein Verehrer der Dichterpersönlichkeit Bialiks, „war Bialik der letzte einer Generation, die nicht mehr ist... Hier müßte nicht e i n Mensch, sondern es müßten ganze Jahrhunderte wiederkommen, um zu ersetzen, was wir an Bialik verloren haben, an Bialik, der jene Geschlechter für Millionen Juden einzig repräsentierte. Durch Bialiks Mund hat die Geschichte zu uns gesprochen, der einzige Besitz, der uns allen, wer immer wir seien, gemeinsam ist. Er allein hat in unserer zerrissenen Gemeinschaft den einzigen unangefochtenen Namen getragen. Denn er hat sich seine Macht mit nichts als dem Geist errungen." Wir können nur trauern. Wir können nur verehren, wir können nur versuchen, seines Erbes würdig zu werden. Zur ewigen Ruhe. Ch. N. Bialiks sterbliche Reste wurden Montag, den 16. Juli in Tel Awiw zur ewigen Ruhe bestattet, unfern von seinem großen Lehrer Achad Flaam. Ein Tel Awiwer Jude schrieb an seinen Freund nach Europa am 5. Juli 1934: „Heute früh wurde durch die Morgenblätter der Tod Bialiks in Wien bekanntgegeben; die Wirkung dieser Meldung auf die Stadt war ungeheuer; ich ging gerade in die Bank, als die Zeitungen verkauft wurden, und ich sah einfache Juden, als sie die fettgedruckte Meldung gelesen hatten, zusammenschrecken und wie verstört an eine Hauswand gelehnt stehenbleiben; kleine Jemenitenjungen, die kaum buchstabieren konnten, weinten; es war, als ob ein elektrischer Schlag durch die ganze Stadt ginge. Einige Stunden später hingen au allen Straßenecken Bekanntmachungen der Agency, durch die allgemeine Arbeitsruhe von 11 Uhr bis Mittag verkündet wurde. Heute abend sind alle Cafes, Kinos und Theater geschlossen, und die sonst so laute und lebendige Stadt ist ganz still. Die Stellung Bialiks im Jischuw und besonders in Tel Awiw war eine einzigartige. Als Dichter hatte er einen direkten Zugang zur gesamten Be- 10