Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdischen Geistes und der jüdischen Tat inauguriert hat; was er der Renaissance des jüdischen Volkes mit auf den Weg gegeben hat. Wir wissen nur, wie Bialik zürnte, wie er die Trägheit des jüdischen Wesjens erkannte und verdammte: „Wehe dem Volk, das nicht die Sehnsucht nach Freiheit, Licht und Sonne kennt, das nicht die Entehrung der Seele empfindet und sich in seinem ganzen Tun dem Alltag hingibt, ü jämmerliches üaluth- Dasein!" — In einer Reihe packender Gedichte zieht Bialik die Bilanz dieses Zustandes. Akhen chazir, Methe midbar, B'ir haharega, Dabhar, Akhen gam seh, Kiru lanchaschim sind Abwandlungen des Themas vom Jammer und Unverstand, vom öden Haus, worin wir leben, von der Dumpfheit, aus der uns nur ein großes Erlebnis reißen kann. Und schließlich die rhythmische Prosa der „Flammenrolle", worin die Synthese vom Galuthjudentum und dem innern seelischen Leben des Dichters gestaltet ist. Das ist die Linie des nationalen Gesangs Bialiks, der all. mählich in trübe Reflexionen übergeht. Plötzlich verstummt Bialiks Lerche. Ein fürchterlich lastendes Schweigen, das nur ausnahmsweise unterbrochen wird, beispielsweise durch das grandiose Gedicht „Jenasser lo khilbabo", worin Bialik der Unnatur der großen Städte das animalische Sein des Idyllischen gegenüberstellt. Die Lerche ist verstummt, aber der Adler lebt: Sturmesflug, Blitz des Geistes, Stolz der Ruhe, Mut des Herzens... Und immer mahnender wird er und immer dichter wird das Maß der Verantwo rt u n g, das man auf seine Schultern legt: „Wirf, Prophet, von deinem Altar die flammende Kohle den Elenden hin. Laß sie dran ihre Suppe kochen oder die Hände sie wärmen. Wirf ihnen hin deines Herzens Sprüh, laß sie dran ihre Zigarre entzünden. Seht, da kommen sie her, auf der Zunge Gebete, die du sie gelehrt, Wandeln mit deinem Weh, mit deiner Hoffnung und sinnen deinem Altar Tod. Drum zerstöre selbst den Altar, mit Füßen ihn stampfend, Daß er mit Rauch und Feuer erschwanke. Aber vernichte mit einem Schlag auch die Spinnengewebe, Die in ihren Herzen deiner Liebe Harfensaiten um. spannen." [Bialiks Herz und Klugheit. Der kalte, nüchterne Bialik besaß Stunden der Scham und des verzehrenden Leidens. Der Mann, der das hebräische Buch fast wie ein Agent propagierte, zürnte aus — Liebe. Das war ein Geheimnis, das war das Geheimnis. Der kalte nüchterne Bialik konnte plaudern und überströmend lieben, er konnte mit den Großen rechten und mit den Kleinen spielen, er koninte peitschen und er konnte küssen. Und man forderte ununterbrochen von dem Gebenden. Man rief ihn zu Versammlungen, Kongressen, Aufrufen: er sollte sagen, was der jüdische Geist hier denke. Aus seinem Mund sprach ein Vierteljahrhundert hindurch Herz und Verstand des Judentums. Und all die Ehre, die ihm zuteil ward, konnte er hingeben für das, was dem jüdischen Volk frommte. Bialik hat nicht Karriere gemacht wie andere im Judentum unserer Zeit; er ist nicht hochgekommen. Die Stufen des Ruhmes ist er im Glanz seiner eigenen Sonne emporgestiegen. Er wollte auch nicht, daß man ihn zu Lasten der Anderen, Schwächeren, Versteckten feiere. Oft begann er seine Bankettreden etwa so: Ch. N. Bialik „Ich bin nicht euer Gemeinde-Lulaw, der im Bethaus auf dem Almemor liegt, den jeder schütteln, und über den jeder den Segensspruch sprechen kann, um sich der Pflicht so zu entziehen, sich einen eigenen Lulaw zu kaufen. Ich bin nicht der hebräische Dichter, dem man Bankette gibt, um sich der Pflicht zu entziehen, den anderen Dichtern, die hungern, Brot zu geben. Ich bin nicht der, dessen Gedichte man kauft, um damit seiner Pflicht gegenüber der ganzen jüdischen Literatur genügt zu haben. Sondern : während ich hier stehe und Euere Reden über mich höre, gucken mich aus ihren Gräbern die Augen der ungekannten, ungeehrten ungelesenen Soldaten des jüdischen Geistes an und ver- 9