Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Chaim Nachman Bialik 1 Der Dichter und Prophet des jüdischen Volkes Von Professor Michael I r r g a n g, Wien Chaim Nachman Bialik wurde am 9. Januar 1873 in dem wolhynischen Dorfe Rady geboren. Da er mit sieben Jahren seinen Vater verlor, wurde er von seinem Großvater zuerst in die hebräische Literatur eingeführt, seine Fortbildung erfuhr er im Beth Midrasch der litauischen Juden in Schitomir und in der Woloschiner Jeschiba, wo er mit der modernen hebräischen Literatur und den Ideen Achad Haams bekannt wurde. Sein erstes Gedicht „El ha-Zippor" (An den Vogel) erschien 1891 in Odessa in Rawnifzkis „Pardes". Seine erste größere Dichtung „ha-Mataiid" (Der Büffler) entstand während seiner Tätigkeit als Lehrer in Sosnowice. Die Tragödie der Galuth findet ihren Ausdruck in der epischen Dichtung „Mete Midbar" (Die Toten der Wüste), die er 1902 in Odessa schrieb. Unter dem Eindruck des Pogroms in Kischinew entstand das Gedicht „AI ha-Schechifa" (Nach dem Morden). 1921 verließ Bialik endgültig Rußland und übersiedelte, nach zweijährigem Aufenthalt in Homburg und Berlin, nach Palästina. Von besonderer Bedeutung sind neben den in mehreren Sammlungen erschienenen hebräischen Gedichten Bialiks seine Dichtungen in jiddischer Sprache, die 19C6 in der Sammlung „Vun Zaar un Zorn" zusammengefaßt wurden, seine Erzählungen, Essays und Ubersetzungen. U. a. stammt von Bialik, eine hebräische Bearbeitung des „Don Quichofe" und eine Übertragung von Schillers „Teil". Als Verleger hat er eine umfangreiche schöpferische Tätigkeit entfaltet. Im jüdischen öffentlichen Leben spielteer, ohne jemals eine amtliche Stellung bekleidet zu haben, eine überragende Rolle. Zu seinem 50. Geburtstag erschien eine Jubiläums-Ausgabe seiner Werke in 4 Bänden. Seine Gedichte und Schriften wurden in fast alle europäischen Sprachen, auch ins Esperanto, übersetzt. Gedichte des Herzens, Auges, Geistes. Als Bialik starb, ging plötzlich die Welle seines Ruhmes durch die ganze Welt. Sein Leben lang hat Bialik sich nicht darum gekümmert, was die andern taten und dachten, was sie über ihn sagten und von ihm wünschten. Das Judentum stand im Zentrum seines Strebens und alles andere war klein und nichtig daneben. Darum war das, was er tat, groß und einzig und unverlierbar. Was immer heute über den toten Dichter, den unsterblichen Menschen gesagt werden könnte, eines bleibt unverrückbar: die Tatsache, daß er den Quellen des reinen Judentums am nächsten stand und daß er es vom Beginn seines dichterischdenkerischen Weges zum Mittelpunkt seines Ichs machte. So souverän wie Bialik beherrschte keiner die Substanz, aus der das Judentum geformt ist; so souverän, daß man fast von einer Virtuosität sprechen kann, die sich selbst zur Nachahmung der altprophetischen Dichtung verführt. Bialik der Dichter! Woher er seine Dichtkunst hat, beantwortet er selbst: „Weißt du, woher ich mein Singen habe? Im Elternhaus wohnte ein einsamer Sänger, der aus Löchern und Ritzen sein eintönig Lied sang — die Grille, der Sänger der Armut. Oft wenn an Feiertagabenden Wein und Sabbatbrot fehlte, wir Kinder hungrig und weinend am Tische saßen und der Vater die Sabbatlieder anstimmte, da sang aus der Ecke jener Sänger der Armut mit. Und nach des Vaters Tod, als die Mutter sich um unsern Unterhalt abquälte, war es noch schlimmer. Tagsüber draußen, saß sie nachts lange beim trüben Lampenschein, um zu nähen, und beim Morgengrauen war sie schon wieder munter, uns Kindern das Morgenbrot zu backen. Ich aber wußte wohl und mein Herz sagte es mir, daß ihre Tränen in den Teig fielen und ich aß mit dem Brot ihren Jammer in mich hinein. („Schirathi.") Zur Gabe des Schmerzes, der Armut kam die Schule, der Cheder und später das Beth Hamidrasch und die Jeschiwah. In diesen Bildungsstätten des Ostens wird das Glück getötet, aber der Geist geadelt, auf daß er einen einzigartigen Aufschwung nehme. Für den Dichter ist dies besonders wichtig. Er erkennt, daß von dort her das Volk die Kraft bekam, mit dem Sch'ma auf den Lippen zu sterben, unsagbare Qualen an Leib und Seele zu erdulden. Und unter dem Druck dieses jüdischen Bildungswesens, dessen Wert der Dichter empfindet, bedarf er eines Trostes. Er findet ihn in der Natur. Zum erstenmal vielleicht nach den Gesängen des hebräischen Mittelalters erklingen wieder Töne, welche die Natur preisen. Bialik hat für die neuhebräische Literatur die Natur entdeckt, die Schönheit der Natur, für die er seine eigene Melodie fand. Kindheit und Jugend des Dichters, in Grau gehüllt, werden durch die Schönheit der Natur verklärt und durch die Liebe.. Natur und Liebe werden nicht in ihrer Primitivität genossen und betrachtet, sie müssen erst durch das Prisma des Geistes hindurch. Der Dichter — wie Friedrich Schiller, der Sentimentalische — horcht in die Natur und in die Gefilde der Liebe hinein, sie offenbaren ihm ihre letzten Geheimnisse, aus ihnen spricht Gott. Glanz und Helle und Unendlichkeit, das sind die Attribute seines unstillbaren Verlangens: „Wenn du, Gott, sieben Sonnen am Himmel hättest, könntest du meine lichttrunkene Seele nicht sättigen .. „Wahrlich, Gras ist das Volk." Das Gedicht, das also beginnt, ist Symbol für die Mission des Prophetentums, das in Bialik zu einer donnernden Macht wurde. Heute ist noch nicht klar, welche Impulse ihr Entstehen Bialiks anklagenden Worten zu verdanken haben; es ist noch nicht klar, wieweit der Dichter Bialik die Wiedergeburt des 8