Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Unter solchen allgemeinen Umständen gewinnt jeder beachtliche Einzelfall schon ein besonderes psychologisches Interesse. Namentlich dann, wenn ein männlich ernster Geist das weite Feld der Gestaltungsmöglichkeiten immer wieder absucht, um sich auszudrücken. Und dieser schöne, nie befriedigte und doch nimmermüde Wille ist bei Alexander Jaray sinnfällig da. Wir wählen aus der großen Zahl von Arbeiten dieses heute gereiften Mannes vier zum Beispiel. Zunächst zwei Köpfe. Das eine das Bildnis eines Bankiers, das zweite das eines Malers. Ein runder, feister und doch sehr energischer, zielbewußter und dann ein schmaler, nerviger, suchender Kopf. Aber beide voll Geist. So bieten sie sich einer aufs Innere gerichteten Betrachtung dar. Aber es sind plastisch greifbare Werke. Man wird sie darum auch, ja zu allernächst, als Formen ansehen müssen. Im ersten Fall herrscht die ruhige Wölbung, die kompakte Masse, im zweiten die flackernde, flammende Bewegung. Freilich ist das eine ein durchgeführtes Werk, das zweite noch Skizze. Aber die Gegensätzee der Formenbildung bleiben doch charakteristisch, auch für die übrige Arbeit des Künstlers. Die Skizzen von Tänzerinnen und eines Fal- Älexander Jaray Herzl führt die Jugend (Entwurf) Alexander Jaray Studienkopf lenden gehören in die Reihe der schmalen, heftig be, wegten Gestalten. Sie leiten hinüber zu der Gruppe: „Herzl führt die Jugend". Der Skizze entspricht die Unruhe der Einzelheiten. Im Ganzen aber kommt schon die größere Ordnung hervor: die umfassende Gebärde des vorwärtsschreitenden Führers, der Jüngling und Mädchen beschirmt. Ungelöst noch die Frage des Herzl-Kopfes, der ein plastisches Leben von anderer Art bildnishaft, aber nicht entschlossen bekrönt. Doch zuletzt entscheidet nicht die Skizze, sondern das Werk. Ein nun nachgerade schon populäres Beispiel: die Gruppe „Nach Zion". Sie gehört in die Reihe der ruhigen, kompakten Bildungen. Eine schwere, müde Menschenwoge, nicht vereint durch Gläubigkeit oder Freiheitswillen, sondern durch ein drückendes Schicksal. Und eben deshalb voll offener Fragen, die hier nicht beantwortet werden können. Alexander Jaray pflegt das Bildnis bedeutender oder wenigstens prominenter Menschen. Er hat Liszt und Liebermann porträtiert, aber die Dichter und die Schauspieler machen die Mehrheit: Schiller und Schnitzler, Reinhardt, die Konstantin, Kainz und Moissi. Das ist kein Zufall. Denn er ist nicht nur selbst eine Zeit auch Schauspieler gewesen, hat also nicht nur viele wirkliche Beziehungen zum Theater, er ist im Grunde ein literarischer Mensch, von drama:- tischer Poesie, von Deklamation schnell entfacht und ihr dann ganz hingegeben. Und auch das führt von seinen Bildnissen zum offenen Pathos seiner freien Kompositionen. M. E. 6