Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695761--322-8245834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tnand wage es, den Kampf um das Niederreißen der unsichtbaren Ghetto mauern zu bemäkeln, der ihn nicht selbst zu unternehmen wagt. Allerdings: wenn man als Jude mit dem Nichtjuden spricht und diese Aussprache mit advokatorischem Streit um Rechtsauslegungen verwechselt, also die talmudistische Ausiegungsarbeit dorthin verlegt, wo sie sinnlos wird, in den Versuchsbereich zur Gestaltung des Lebens, dann wird man juristische Antworten erhalten und so gescheit von dannen ziehen, als man gekommen ist. Wer sich hinter Paragraphen verschanzt, bevor er etwas besprochen und erreicht hat, das dann in Paragrap'he gefaßt werden könnte, der ist - - man verzeihe - nicht gerade freimütig. Und ohne Freimut und dem offenen Verlangen, Neues zu hören und zu bieten, ist nur das Alte zu retten - wenn es zu retten ist. Die Verantwortung für das jüdische Schicksal tragen wir Juden und tragen mit uns die Nichtjuden, wenn wir Juden die Nichtjuden an die Probleme des Lebens erinnern, die in keiner Verfassung paragraphiert sind, sondern täglich neu lebendig werden. Allein können wir der Verantwortung nicht gerecht werden, wir nicht und niemand sonst, denn Leben ist Zusammenleben, das nur mit d e n an d e r n geordnet werden k a n n. HIE^AlüilPi® JJÄI^ÄY In einer Abendgesellschaft kam unlängst das Gespräch auf das Verhältnis der Juden zur Kunst. Einer der Anwesenden - - ein führender Künstler, ein feuriger, das Wesen erkennender Kopf — meinte: Finden Juden ist die Form niemals das Ziel. Denn seine Domäne ist der Geist. Das biblische Verbot: „Du sollst dir kein Abbild machen...'', es gilt nicht bloß als Gesetz unserer Religion, es kennzeichnet auch die eigentümliche Situation unserer Kräfte auf dem Felde der Kunst. Der Jude geht schaffend von Form zu Form, bei keiner bleibt er stehen, keine füllt ihn völlig aus, keine vermag, was ihn bewegt, restlos und ihm zur reinen Befriedung auszudrücken. Der Geist will mehr, will weiter. Und der Geist ist ewig, er überdauert aJle Formen. Diese Situation des jüdischen Geistes hat natürlich nichts zu tun mit jenem Intellektualismus, dem „zersetze n d e n P r i nz i p", das heute v o n u n s e r e n H a s s e r n immer wieder zitiert wird. Denn es ist ein schöpferischer Geist, schöpferisch in der Moral, beim Aufbau der Gesellschaft, in den Künsten. Immer und überall, wo er aufgetreten ist, hat er eine Reinigung der Verhältnisse, eine Aufarbeitung des bisher ungeklärten Restes, hat er Bewegung, Aufschwung und Vollendung mitbewirkt. Nur mit diesem wirklichen Geist haben wir uns zu befassen. Unleugbar, daß er nach wie vor der Entwicklung der Bildhauerkunst bei den Ju,den hinderlich entgegensteht. Mit Männern wie S t r n a d, Frank und M e n. delsohn hat das Judentum die moderne Architektur, mit Pissaro, Israels und Liebermann hat es die Malerei erkämpft, aber unter den Bildhauern gibt es bis heute keinen von gleicher, führender Bedeutung. Es ist, als ob hier - trotz des hochstrebenden Willens - im Instinkt, in der unbewußten Kraft etwas Geheiligtes den letzten Aufstieg verwehren würde. Trotzdem gibt es eine große Anzahl von jüdischen Bildhauern, ja im Verhältnis mehr als Architekten und Maler. In der Schule des heue.r verstorbenen Bildhauers Hanak gab es immer erstaunlich viele j ü d i s c h e A n w ä rt e r. Aber auch außerhalb dieses Kreises. Ich überblicke die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre in Wien, wo junge Künstler aus aller Welt, namentlich auch aus Palästina, erscheinen, um hier ausgebildet zu werden. Die angehenden Bildhauer spielen da eine ganz besondere Rolle. Durch ihre Hartnäckigkeit. Alexander Jaray Porfraitkopf Denn kein künstlerischer Beruf bietet so trübe Aussichten, in keinem ist das nackte Elend so verbreitet, wie bei den Bildhauern. Dazu kommt, daß nur die wenigsten von den vielen für dieses Fach begabt sind, daß also auch ihr Idealismus leer läuft. Was also 3 oll diese merkwürdige Hartnäckigkeit, die immer wieder die Mauer des Schicksals berennt? 5