Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 10 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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irgendwie betroffen: denn diese Beiden hatten versucht, die anderen zu verstehen und sie fanden auch Worte, die w/e Erleuchtung wirken — auf die Andern, wenn man sie ihnen mitteilt. So wurde die Isolierung der Juden ghettohaft aufrechterhalten, obwohl längst kein Ghetto mehr besteht, wenigstens in unseren Ländern. Eine Wand der Kontaktlosigkeit in menschlicher Hinsicht steht unverändert zwischen Juden und Nichtjuden und die traurigste, sichtbarste Folge dieser unbewußten Selbstisolierung ist das beschämende Schauspiel des innerjüdischen Parteienhaders. Auch hier ist Oesterreich ein treffendes warnendes Beispiel. Sogar diejenigen unter uns Juden, welche über politischen Blick verfügen und wußten, was kommen mußte, hatten an das Kommen der Entwicklung eigentlich doch nicht geglaubt und deshalb auch nichts getan, um sich darnach einzurichten. Für den Nichtjuden in Oesterreich sind deshalb die österreichischen Juden ein vollkommenes Rätsel. Man hält die Juden für sehr gescheit und für intellektuell sehr geschult, und versteht die politische Unbeholfenheit gerade deshalb nicht, weil sich politische Dummheit mit geschultem Intellekt doch offenkundig nicht zu vertragen scheint. Ist es Unbeholfenheit oder Dummheit oder etwa doch — Hinterlist, Gefährlichkeit, Verstellung? Der Nichtjude fühlt sich unbehaglich, wenn er diesen ihm unerklärbaren Widerspruch zwischen Bildung und traditionellem Intellektualismus der Juden und der politischen Zerfahrenheit und Haltlosigkeit mitansehen muß, wenn er sieht, wie die Juden samt und sonders rötlich politisiert haben, dann vaterländisch wurden und im stillen zu erkennen gaben, daß sie weder rot waren, noch wissen, wie es heute um den Staat oder um sie selbst bestellt ist. Man nimmt dann an, der Marxismus sei ihr>en besonders gelegen und erklärt diese Dogmatik für eine jüdische Erfindung, die böswilligerweise den andern aufgedrängt wurde, um sie zu beherrschen. Oder man nimmt politische Einstellungen der Juden einfach nicht ernst. Da aber Politik nichts anderes ist als Selbstbehauptung im öffentlichen Zusammenleben und niemand ohne politische Position sich behaupten kann, und da man den Juden nicht zutraut, dummerweise auf ihre Selbstbehauptung im öffentlichen Zusammenleben zu verzichten , so vermutet man etwas Unaufrichtiges und glaubt dann letzten Endes doch — an die Protokolle der Weisen von Zion, auch wenn man weiß, daß sie, wenigstens in dieser Form, gefälscht sind. Aber etwas muß doch daran sein, denn wie sonst wäre dieser Widerspruch zu erklären? Die Assimilanten reden an den Nichtjuden vorbei und die Nationaljuden hüllen sich in Schweigen, und beide protestieren, liegen auf der Lauer nach antisemitischen Reden und Handlungen und — protestieren. Und die Proteste verhallen, denn sie treffen ins Leere. Und die jüdischen Parteien entfernen sich völlig aus dem praktischen Leben und raufen wie besessen um des Kaisers Bart. Ich gebe gerne zu, daß angesichts dieser Tatsache es keineswegs leicht sein kann, endlich wirklichen offenen und freimütigen Kontakt mit der Umwelt zu finden — als Jude zu finden, nicht als Mensch und Berufsausübender —, sondern in dem Dasein als Jude. Aber endlich muß das unsichtbare Ghetto geöffnet werden, und alle Erfahrung lehrt, daß der Jude nichts riskiert, wenn er ins Freie tritt. Ob er bald und viel erreicht, das steht dahin, aber niemals wird er es vergleichsweise — verglichen mit dem ghettohaften Heute - zu bereuen haben, dem Nichtjuden als Jude offen und freimütig gegenübergetreten zu sein. Das Hinaustreten aus dem Ghetto ist keine Parteisache und keine Angelegenheit von Vereinsobmännern und Vereinsausschüssen, sondern eine Sache jedes Juden, die jeden angeht und jedem freisteht und sogar — Pflicht ist jedermanns, Pflicht vor sich selbst und Pflicht als Glied der jüdischen Gemeinschaft. Allerdings muß der Schritt mit allem Freimut erfolgen, dessen man fähig ist. Als Mensch hat der Jude Lebensrecht wie jeder andere. Ob er ein wertvoller oder weniger wertvoller Mensch ist — auch nach dem diskriminierenden Rassenstandpunkt —, ist zunächst gänzlich gleichgiltig. Der Mensch tritt vor den Menschen und stellt sich vor, wie er ist. Er entschuldigt nicht seine Fehler, denn Fehler sind keine objektiven Merkmale, sondern er bekennt — ob gut oder böse —, was ist, und sagt, was er will und was ihn schmerzt und was ihn freut. Und hört unbefangen und unbeleidigt, was der andere sagt und will und meint. Und dann kan|n man sprechen und dann — kann man sich vertragen. Nicht deshalb, weil „man" ein sogenannter „anständiger Mensch" sei („ja, wenn alle Juden so wären wie ..."), sondern weil man dieser so geartete Mensch nun einmal ist und mit dem andern zusammen leben will. So gewinnt man persönliche Freunde im privaten Leben und so gewinnt man politische Freunde im politischen Leben und so gewinnt man Geschäftsfreunde im Erwerbsleben. Clara pacta, boni amici, klare Abmachungen, gute Freunde. Nicht nur im Kaufmannsleben, erst recht in der Politik und im persönlichen Verkehr. Solange dieser Schritt aus dem Ghetto nicht im breiten Strom getan wird, bleibt der innerjüdische Parteienhader unfruchtbar, sinnlos, beschämend und — gefährlich, allerdings nur gefährlich für uns Juden selbst. Es ist nachgerade ein politischer Selbstmordversuch, sich selbst zu zerfleischen, ohne auch nur zu wissen, wofür wir dieses edle Handwerk an uns betreiben. Worum geht denn unser Streit, da doch die Politik — nach außen gehen muß, wenn sie etwas bringen soll, Sicherheit im Leben, Freunde und Helfer? Es gibt keine innerjüdische Verständigung und es wird nur eine trostlose Verschärfung des innerjüdischen Haders geben, solange die Ghettomauern nicht fallen, solange wir nur politisches Talmudstudium betreiben und mit erschreckten Augen zusehen, wie sich alles um uns wandelt u,nd wir unfreiwillig ein Spielball fremder Mächte bleiben. Und nie- 4