Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-08-01 · 10 (August 1934) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
10 (August 1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695761--320-8245832
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

PALESTINE&ORIENT LLOYD die WELTORGANISATION j| für PALÄSTINAREISEN VERTRETUNG FÜR ÖSTERREICH: REISEBÜRO CITY DR.J.H.KÖRNER WIEN,!. KOHLMARKT 8 TtllPHON NE.U-J6-4-J9 müssen den antijüdischen Angriff einstellen, weil es nur ihretwegen ein jüdisches Problem als Judennot gibt. Die Abwehr der Juden besteht in diesem Sinne darin, die anderen und nur die anderen verantwortlich /u inachen und daran zu erinnern, daß sie etwas .Celan haben, was nicht notwendig, nicht sinnvoll, nicht gut gewesen sei; die Sache sei abzustellen, einzustellen, abzublasen, das Spezifikum „jüdisches Schicksal" ist auszumerzen und durch einen Einstellungsbeschluß einfach aus der Welt zu schaffen. Menschenrecht, Gleichberechtigung der Menschen, das ist die These, mit der die ganze Verantwortung auf die Andern abgeschoben wird. Natürlich ist es richtig, daß die Initiative des Angreifers bei den Anderen gelegen ist. Deshalb kann mau anklagen, jedoch keineswegs die eigene Verantworte n g a b 1 e h n e n. Wenn man von einem andern geklagt wird, muß man sich wehren, sich verteidigen, etwa auch eine Gegenklage machen, aber die Verantwortung für das Schicksal des Verteidigers, des Verteidigten trägt nicht der Ankläger allein, sondern beide. Die zweite Anschauungsgruppe will für jüdisches Schicksal nur die Juden selbst verantwortlich machen. Wir Juden sollen unser Schicksal selbst schmieden, die Andern geht jüdisches Schicksal nichts an. Man lasse uns Juden in Frieden und unsere Sachen selbst be; orgen. Ja, beide Anschauungen sind in ihrer Art richtig, die sogenannte .assimilatorische" und die sogenannte „nationale", aber beide sind einseitig; geworden, denn das Judenproblem ist nun einmal da und wer es meistern will, der muß das tun, was überall geschieht: Juden und Nichtjuden müssen beide gemeinsam die Verantwortung für das jüdische Schicksal übernehmen. Die Wirklichkei'sfreindheit der Parteiprogrammatik zeigt sich im Verhalten gegenüber den Angriffen der Judengegner, der Antisemiten. Die assimilatorischen Kreise „protestieren" .gegen die „Verdächtigung" der Juden und gegen die „Ungerechtigkeit" der Angriffe und berufen sich auf das allgemeine Merschenrecht; sie vergessen dabei, daß es kein Volk der Erde gibt, das unangegriffen durchs Leben geht. Ein Angriff auf die Juden wird sofort, ohne Hin näher zu untersuchen, als Generalangriff, als Vernichtungsfeldzug gegen uns Juden bezeichnet und in diesem Sinne abzuwehren versucht. Die Frage, was den Angreifer eigentlich bewogen haben mag, die Fraf?e. mit welchen Mitteln und mit welcher Antwort »irklich abgewehrt, eine Verständigung erzielt werden könnte, wird nicht gestellt. Aber man tut uns Jnden wieder unrecht, dieses blinde Abwehrstrehen nur zu versootten und zu belächeln. Es gibt allüberall eine Sonderstellung der Juden als Schinmfobjekt, als Verfolguugg?objckt. , Jud" als Schimpfwort (hierzulande gewöhnlich als , Saujtid" ausgesprochen) ist eine gedankenlose Geste, die sich überliefert hat und in erster Linie beweist, daß der Schimpfer d?e Juden nicht kennt und keinen Wert darauf legt, sie näher kennen zu lernen. Er macht seinen Zorn auf überlieferte Art Luft; im Wort „Saujud" liegt, wenn mau es gebraucht, kein Problem, nur eine Gefahr. Eine Gefahr für uns Juden, der man damit allein begegnen kann, daß man sich zu erkennen gibt, daß man dem Schimpfwort einen Sinn gibt, ihm die Unbekümmertheit des Gebrauches nimmt. Das jüdische Bestreben, uns Juden in gutes Licht zu setzen, indem über uns Aufklärung verbreitet werden soll, macht hier keinen Eindruck, da der Schimpfer kein Problem gesehen hat; er hat einfach geschimpft und ist nicht neugierig auf ein näheres Wissen um den Sinn des Schimpfwortes. Ja, oft wundert er sich darüber, daß ein Jude sich gekränkt, betroffen fühlt, wenn das Wort „Saujud" an seine Ohren klingt. Ja, anzüglich, mit bewußter Betonung war der Schimpf nicht gemeint. Und die jüdische Entrüstung oder apologetische Sehnsucht stößt ins Leere. Und nächstens wird der Sc Ii i m p f m i t S e c 1 e n r U h e wiederholt. Der nationale Jude betreibt keine Apologetik, denn er fühlt sich über solche „Entschuldigung" vor seinem Dasein erhaben. Er ist Jude, wie der Andere etwas anderes ist, und wegen seines Daseins muß man sich nicht rechtfertigen. Er entschuldigt sich also nicht, er ist eher geneigt, tällich zu reagieren oder aus dem Wege zu gehen, nicht aus Feigheit, sondern aus Stolz. Aber aus gleichem Stolz „polemisiert" er nicht mit „Antisemiten", denn das sei „vergeblich". Die Juden sollen sich auf ihren jüdischen Leheirbereich zurückziehen und im Lebensbereiche der Andern das Feld räumen; dann verliere der Antisemitismus den Boden. Die einen antworten also mit Rechtfertigungen und Entschuldigungen, die keinem Interesse begegnen, die anderen antworten gar nicht und sind stolz auf ihre weise Zurückhaltung. Und der Antisemitismus blüht und gedeiht, als ob man nie etwas getan hätte, ihn abzuschwächen. Und man hat in der Tat nichts Ernstliches gegen ihn getan, denn man hat ihn jüdischerseits nicht verstanden. Man konnte ihn nicht verstehen, weil man nie gefragt hat, was der andere denkt und empfindet, sondern einfach abgewehrt hat oder ausgewichen ist. Die Juden leben meistens inmitten der Nichtjuden, aber ein verstehender Kontakt zwischen Juden und Nichtjuden konnte bis heute fast nirgends aufkommen. Liest man heute die Reden Max Nordaus oder Theodor Herzls nach, dann fühlt man sich 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.