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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-08-01 · 10 (August 1934) · p. Seite 2

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
10 (August 1934)
Date
1934-08-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Hans Kandl: 2J.de VjiKantw£>Mu*ig. pxK de* jüdCscHe. JdUcksai Das jüdische Leben ist ein Problem' geworden, das Leben an sich, es ist irregulär gegliedert und fundiert, es ist ein ganz besonderer Fall, es hat als politisches Problem und als Kulturfrage nur eine bruchstückartige Gegenwart. Aber es besitzt etwas anderes: Vergangenheit und Zukunft. Man wird milde urteilen, wenn man Vergleiche zieht. Wie unfruchtbar ist bei vielen Völkern und in vielen Staaten der Parteienkampf geworden, wo er realsten Boden hatte, vollste und reichste Gegenwart. Hier, bei uns Juden, wo Vergangenheit und Zukunft, aber wenig Gegenwart, wenig greifbare Möglichkeit, nur drängende Notwendigkeit vorhanden ist, wurde der Kampf im eigenen Kreise noch unfruchtbarer, aber begreiflicher und entschuldbarer. Es ist notwendig, jede Gehässigkeit weit von sich zu weisen, wenn es einem ernst ist um jüdische Fragen. Jeder Grund zur Verbitterung löst sich in Verstehen, wenn man einfach vergleichend die Wirklichkeit sieht. Ja, es ist verständlich, daß die Juden zerrissener sind als andere Völker, weil sie es als Juden in ihrem jüdischen Gemeinschaftsleben ganz wesentlich schwerer haben, weil ihr jüdischer Zusammenhalt lockerer und differenzierter, vielfältiger und problematischer ist. Und es ist gut, das zu verstehen, denn nur diese Einsicht bewahrt davor, den Parteienhaß selbst zu hegen, den das jüdische Parteienwesen untereinander zur Schau trägt. Aber Verstehen allein könnte nur zur Verzweiflung bringen, denn der Parteigläubige findet wenigstens im Kampfe gegeneinander Befriedigung oder vermeint sie zu empfinden. Was soll der Verstehende, der weiß, wie sich die Parteiungen nur zerfleischen, an Glauben und Hoffnung bewahren, wenn er nur versteht, wie das Unglück geworden ist, wenn er nicht sieht, wie das Unheil gebannt werden könnte? Mit Nachdruck sei darauf hingewiesen, daß in den Parteigrundsätzen viel tiefste Wahrheit steckt. Aber die Wahrheit ist zerrissen, jede Partei trägt ein Stück mit sich und wirft es dem anderen Stück auf dem anderen Parteienufer an den Kopf. Die Wahrheit wird parteimäßig abgerundet, eingegrenzt, vom Leben abgesperrt, mit dem Unzauber der „Partei" bemalt und verdächtig gemacht, verdächtig dem Andern, der an die Wahrheit wohl glauben möchte, aber nicht an die Partei, die sie trägt. Aus der Wahrheit wird ein Parteidogma, das wirkungslos ist, weil es mit der Partei verschvvistert w u r d e. Diese Fehldeutung hat weite Folgen gehabt. Es gibt im jüdischen Lager heute keine Ueberzeugungen und keine Einsichten, sondern nur Programme und Bekenntnisse. Es gibt kein Forum, das nichts als „jüdisch" ist, ja man kann sich so etwas wie parteilos nicht mehr vorstellen im jüdischen Lager. Dabei würde es sich nicht darum handeln, anschauungslos zu sein, undogmatisch, vorurteilsfrei. Nein, das Leben soll in Formen gebracht werden, damit sich Gruppierungen bilden können, die freie Bahn sehen, die dem Heute entsprechen, die leisten können, die Zukunft bauen, die — Verantwortung tragen wollen und tragen können! Und hier muß eine Einsicht gewonnen werden, die trotz ihrer Selbstverständlichkeit keine Bekenner findet. Die Verantwortung können für das Schicksal der Juden die Juden allein nicht tragen. Oesterreich hat die Kraft aufgebracht, sich selbst zu helfen; wer wird aber leugnen, daß dieses Oesterreich ganz allein nie imstande gewesen wäre, sich selbst auf den Beinen zu halten, als es mächtig angegriffen wurde? Wir Juden werden von allen Seiten attackiert und besitzen eine ganz aufgelöste Front, die keine realen Verteidigungsmöglichkeiten bietet, wie sie etwa Oesterreich besessen hat. Ist es so sonderbar, daß wir Juden allein für uns keine Verantwortung zu tragen imstande sind? Um beim Beispiel Oesterreich zu bleiben, das mir als österreichischem Juden nahe liegt, aber deshalb verwendbar ist, weil es heute in der ganzen Welt diesen Gedankengang beispielhaft illustrieren läßt, ist darauf zu verweisen, daß schon der Begriff des Oesterreichers und des Staates Oesterreich nicht allein aus österreichischem Willen festgelegt wurde. Der Begriff wurde wieder Wirklichkeit, weil der größte Teil der anderen Staaten diesen Begriff wirklich haben will, dieses Oesterreich in seiner Selbständigkeit. Und Oesterreich ist Oesterreich, weil die Oesterreicher es wollen und dafür mit starkem Einsatz von Mut und Kraft eingetreten sind, die Verantwortung auch für sich selbst übernommen haben. Aber nicht allein, sondern gemeinsam mit den andern Staaten. Auch für den Staat Oesterreich haben andere volle Mitverantwortung übernommen. Und wir Juden sollten je imstande sein, allein für unser Schicksal verantwortlich einzustehen und zu sorgen? Da gibt es zwei große Anschauungsgruppen, die einander merkwürdig ergänzen. Die einen meinen, die Juden hätten gar keine Verantwortung zu übernehmen, da sie keine Besonderheit ihres jüdischen Schicksals gewollt hatten. Die Anderen haben ein jüdisches Problem, eine Judennot geschaffen, diese Anderen tragen die Verantwortung für den Angriff auf das Judentum, den sie in Szene gesetzt haben, und diese Andern 2

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