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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-08-01 · 10 (August 1934) · p. [Seite]

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
10 (August 1934)
Date
1934-08-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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u JiypflsciHi ® HÄO Redaktion und Verlag: Wien I., Petersplatz 7 Telephon U-21-0-17 2. Jahrgang Ab/Elul. 5694 - August 1934 Nummer 10 Dem toten Kanzler Österreichs Man muß die bangen Stunden der Ungewißheit erlebt haben, um zu verstehen, was ein Staatsführer seinem Volke bedeutet, wenn es tödlich ernst wird. Bis zum 25. Juli 1934 war Dr. Engelbert Dollfuß heiß umkämpft. Glühend geliebt von seinen Anhängern, bestialisch gehaßt von seinen Feinden, von vielen nicht verstanden. Nun, da er als Märtyrer seiner Idee gefallen ist, wird es jedem klar, der es noch nicht wußte: Dollfuß heißt Österreich! Der »Kanzler« hat uns zum Vaterland geformt und Österreich ist eine einzige bangende Seele, die in echter Trauer sich gefunden hat. In dieser denkwürdigen Stunde, da sein Leib verblutete, war sein Werk in den einzelnen Bürgern des Staates, in ihrem erweckten Bewußtsein und Selbstbewußtsein mit einem Male vollendet. Der Mut dieses seltenen Menschen wurde allseits rückhaltlos bewundert. Und als Held ist er gestorben. Mit dem unfaßlichen Martertod des stundenlangen Verblutens bei vollem Bewußtsein vor den Augen seiner entmenschten Mörder, die nicht nur den Arzt, sondern auch den geistlichen Beistand verweigert hatten. Wie er den Martertod erduldete, das hat sein Märtyrertum gekrönt. Dem neuen Österreich hat er mit seinem Leben und mit seinem Sterben den Helden geschenkt, in dessen Bild die Vaterlandsliebe ihr unauslöschliches Beispiel gefunden hat. Der Neuschöpfer seiner Heimat errang für Österreich und sich selbst Ansehen und Geltung in Europa. Er vertrat in der europäischen Schlüsselstellung die Gedanken einzelstaatlicher Selbstverwaltung und zwischenstaatlicher Verträglichkeit. Seinem heißen, noch nicht allseits verstandenen Bemühen um einen neuartigen zeitgemäßen Kräfteausgleich im inneren Staats- und Bürgerleben kommt beispielgebende Bedeutung zu. An uns Juden liegt es, in richtiger Erkenntnis dieser heutigen Probleme im Verein mit allen Bürgern Österreichs an einer solchen Lösung mitzuwirken, die uns als Juden und als Söhne unseres Vaterlandes gerecht wird. Aus der Wirrnis unserer Zeit hat der Kanzler begonnen, neue Wege zu gehen. Seinen Mut und seine Kraft dazu — oftmals im Leben und ergreifend im Sterben bewiesen — schöpfte er, der dem ärmsten Volke entstammte und zu den höchsten Würden im Staate emporstieg, aus tiefer Gläubigkeit und reinem Gottvertrauen. Glaube an Gott, Vertrauen zu Gott: Welcher Mensch, welcher wahre Jude vor allem, wollte sich der Einsicht verschließen, daß nur diesen der Wille und die Fähigkeit entspringt, der Menschheit Bahnen in eine bessere Zukunft zu weisen? Darum gibt uns das Werk des Kanzlers, durch seinen Opfertod nur fester gefügt, wieder Hoffnung auf endliche Genesung der Welt. Friede dem Kanzler!

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