Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 39 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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KOINIPiKIiBiryM© Der Gugelhupf Von R o n a. Als Lisi sieben Jahre alt war und das erste Schuljahr gut bestanden hatte, brachte ihr der Vater zur Belohnung ein junges Hündchen. Sie nannte es Bobbi. Bobbi wurde bald groß und der unzertrennliche Begleiter der kleinen Lisi. Aber sie waren nicht nur unzertrennliche Kameraden, sie hatten leider, leider auch die gleiche, schreckliche Untugend: sie naschten! Eines Tages nun, da waren Lisi und Bobbi ganz allein in der Wohnung. In der Speise stand ein wundervoller Gugelhupf mit lauter Rosinen. Wie Lisi nun so allein in der Wohnung war, da fiel ihr plötzlich der Gugelhupf ein. Und der Aufsatz für die Schule wollte und wollte nicht aus dem Federhalter, so vi|el sie auch daran kaute. Ob nicht, — nein, — naschen, das tut man nicht. Aber, nur so ein, zwei oder gar drei Rosinen, das konnte so schlimm doch nicht sein? Leise schlich sich Lisi zur Speisekammer und drückte vorsichtig die Klinke nieder. Aber, o weh, die Türe war fest verschlossen. Lisls Sehnsucht nach dem Gugelhupf aber wurde immer größer. Ratlos stand sie vor der verschlossenen Türe. Da fiel ihr Blick auf den Boden. Dort war eine Oeffnung. Eigentlich gehörte ein Gitter davor, aber das hatte die Mutter fortgenommen, weil sie es durch ein neues ersetzen wollte. Der Lisi aber konnte das nichts helfen. Bobbi, ja, der wäre gerade noch hindurch gekommen, aber sie, Lisi, niemals. Da kam ihr eine Idee. Der Küchenbalkon ging auf den Garten hinaus und lag direkt neben dem Fenster der Speisekammer. Wenn dort das Fenster offen stand? Es war nur ein kleiner Schritt... Gedacht — getan. Lisi stand in der Speisekammer. Und vor ihr war der Gugelhupf! Vorsichtig zupfte sie mit ihren Weinen Fingern daran herum'. Aber, o weh — ein großes Stück vom Kuchen brach ab! Angstvoll versuchte es Lisi wieder anzukleben. Aber statt daß er wieder ganz wurde, brach noch ein Stück ab. Lisi war verzweifelt. Was sollte sie machen? Als sie sah, daß alles nichts helfen wollte, steckte sie die einzelnen Stückchen in ihren Mund. Bald war nur mehr ein kläglicher Rest vom Gugelhupf da. Mit arg schlechtem Gewissen und einem übervollen Magen schlich sich Lisi wieder auf dem gleichen Weg zurück und setzte sich wieder an ihr Schreibpult. Die Mutter kam heim und begann alles für die Jause herzurichten. Gleich mußte die Tante kommen. Angstvoll beugte sich Lisi über ihr Pult. Da kam die Mutter schon zu ihr ins Zimmer gestürzt: „Lisi, denk nur, der Gugelhupf ist halb fort! Das kann nur der Bobbi gewesen sein. Lauf und hol rasch bejtm Konditor einen neuen Gugelhupf!" Lisi rannte fort. Sie zitterte, — nein, — eigentlich, - - so richtig gelogen hatte sie nicht, denn die Mutter hat's doch gesagt vom Bobbi. Freilich, sie wußte genau, daß das nicht wahr war. Am Abend, da sprachen die Eltern vom Bobbi. Und die Mutter sagte, daß er fort müßte, gleich morgen. Er sei zu naschhaft, so einen schlimmen Hund könnten sie nicht haben, er richtet zu viel Schaden an. Erschrocken hörte Lisi zu. Sie wollte sagen, daß sie es gewesen war, aber es fehlte ihr der Mut. — Tief unglücklich ging sie zu Bett. Vor dem Einschlafen drückte sie noch einen heißen Kuß auf Bobbis weiches Fell, als wollte sie ihn um Verzeihung bitten für das Unrecht, das sie ihm tat. Und morgen in der Früh, da wollte sie der Mutter diie Wahrheit sagen. Mit diesem Gedanken schlief sie ein. Am andern Morgen aber, vor der Schule, da war es sChon schrecklich spät. Und Lisi fehlte wieder der Mut, denn jetzt war ja alles noch viel schlimmer. Nach der Schule rannte sie schnurstracks heim. Jetzt, jetzt wollte sie der Mutter alles sagen. Als sie aber heimkam, war der Bobbi schon fort! Lisi weinte schrecklich. Aber die Mutter meinte, es wäre ganz gut so, einen so naschhaften Hund könnten sie nicht gebrauchen. Beim Abendbrot, Lisi würgte an ihrer Schokolade, da kratzte es plötzlich vor der Türe. Lisi riß sie auf: Da saß Bobbi auf den Hinterpfoten und machte bitte, bitte! Er war seinem neuen Herrn entlaufen und hatte den Weg zurückgefunden! Lisi strahlte. Aber djp Mutter sagte, das hätte gar keinen Zweck, der Bobbi; müßte doch wieder fort. Da sprang aber Lisi auf, riß den Bobbi in ihre beiden Arme und gestand der Mutter, daß, — daß — ja, daß der Bobbi unschuldig war. Und daß das mit dem Gugelhupf sie angestellt hatte! Aber sie wollte ihn gar nicht essen, nur ein paar Rosinen wollte sie rauszupfen, da war der dumme Gugelhupf auseinandergefallen und so war das Unglück passiert. Und sie wollte auch nicht lügen! Aber wie dann die Mutter sagte, das müsse der Bobbi gewesen sein, da —, da hatte ihr einfach der Mut gefehlt. Und dann war alles noch viel schlimmer geworden. Der Bobbi war fort — und sie hat sich so schrecklich gekränkt. Sie will bestimmt nie, nie wieder naschen, wenn nur der Bobbi bleiben darf! Ganz heiß hatte sich die Lisi geredet, dicke Tränen liefen ihr über die Wangen. Als die Mutter sah, daß sie wirklich bereute, meinte sie, sie wolle es noch einmal versuchen — mit beiden. Lisi und Bobbi paßten nun gegenseitig aufeinander auf. Und seitdem haben beide nicht mehr genascht. 39