Mannheim
Compact Memory

Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-07-01 · 9 (Juli 1934) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
9 (Juli 1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 31 (sequence 33)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8245601-8695753-8695760--303-8245816
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

©OSCH Geleitet von Alfred Kanter Theodor HerzI - Vladimir Jabotinsky: Eine Schriftvergleichung Jh" tu&rti** H^nX Es gehört sicherlich zu den schwierigsten und undankbarsten Aufgaben des Graphologen, Männer des politischen Lebens, die geliebt oder gehaßt, aber doch mit einem gewissen Nimbus umgeben, zu beurteilen. Nicht die Größe der Leistung, nicht ihr Wert, nicht Glück oder Unglück, die sie gestiftet, soll hier mitsprechen, denn die Schrift zeigt sie nicht. Die Schrift zeigt den geistigen und seelischen Menschen wie er ist, nicht, was seine Werke sind, bei deren Entstehung mannigfache andere Faktoren mitsprechen als seine Wesensart, zeigt den Menschen nackt, mit all seinen Fehlern und Schwächen, wie die Röntgenaufnahme den physischen Menschen. Nicht die Leistungen zeigt die Röntgenaufnahme der Seele, sondern nur den, Boden, auf dem sie erwuchsen. Deshalb mag man sie auch nicht als Werturteil auffassen. Wenn hier zwei Schriften verglichen werden, so ist es nicht die gleiche Idee, der beide Urheber dienen oder dienten, es ist lediglich die Aehnlichkeit der Schriften, die dazu anregt, ja, die Gegenüberstellung geradezu herausfordert. Herz!—Jabotinsky: Schlicht und einfach stehen beider Namen da, ohne Paraphe, ohne Unterstreichung; in beiden eine Zurückstellung der eigenen Person hinter die Sache, zwei selbstlose Charaktere. Die klare Lesbarkeit und Deutlichkeit weist auf die Offenheit ihres Wesens hin, auf ein rückhaltloses Einstehen für ihre Idee und Anschauungen. Das sind nicht die Schriften von Politikern, von Diplomaten, von Staatsmännern, das sind die Schriften von Fanatikern der Idee. Wenn man etwa diese Schriften mit denen anderer großer Führer vergleichen würde, so könnte man eine Aehnlichkeit mit der Lenins feststellen. Auch dort tritt die eigene Person vollkommen hinter die Idee zurück, im Gegensatz zu den Schriften Hitlers oder Mussolinis, die ein ausgesprochenes Betonen des Ego, der eigenen Person als Inbegriff der Idee, des persönlichen Wertes bedeuten, natürliches, gesundes, breitspuriges Pathos und Selbstbewußtsein bei Mussolini, innerlich unfundierte, daher unsichere, nach außenhin überbetonte, überhebliche Selbstschätzung bei Hitler. Die Schriften Herzls und Jabotinskys weisen beide nüchterne, trockene Züge auf, die von klarer^ scharfer, zwingender Logik sprechen, auf den Wesenskern der Sache gerichtet sind, aber auch das Streben nach knapper Prägnanz und Klarheit im Ausdruck. Es sind Züge des forschenden, zergliedernden Wissenschaftlers, der nach einein Weg sucht. Die oft schroffen, engen, eckigen Kleinbuchstaben, die beiden Schriften gemein sind, zeigen die Grundlagen dieser Wesenheiten. Es sind tiefe, schwerblütige Charaktere. Ihre Ideen kommen aus einer zerquälten Seele. Sie sind seelisch schwerfällig, aufgenommene Eindrücke, Kränkungen, Enttäuschungen bleiben haften, graben sich tief ein, sie können nicht vergessen, nicht verwinden. Ihre seelische Ungeschmeidigkeit läßt kein leichte^ Hinweggleiten über Kränkendes, Störendes zu. Erlittene Unbill wird hier zu affektstarken Komplexen, die nach und nach von der ganzen Persönlichkeit Besitz - ergreifen, beherrschend werden und die Träger dieser Komplexe zwingen, nach Ausdruck, Entladung zu suchen. * j1 Diese Komplexe des aufgespeicherten Schmerzes sind es, die dem Intellekt den Weg weisen, ihn mit leidenschaftlichem, unbeugsamem Fanatismus speisen. Sie sind es, die diese sonst nüchternen, kühl erwägenden Denker zu Fanatikern werden lassen, ihnen, die sonst feinfühlig und herzensgut sind, oft schroffe, rücksichtslose Aggressivität verleihen. Sie lassen diese persönlich schlichten Menschen mit dem Selbstbewußtsein und der Selbstsicherheit einer zwingenden Idee auftreten, frei von persönlicher lieberheblichkeit. Hier sind die Triebfedern, die Triebkräfte ihres Handelns, der Strom, der sie treibt, er ist bei beiden von gleicher Beschaffenheit und Stärke. Aber bei aller Aehnlichkeit ist die Struktur des Materiales, aus dem sie sind, doch verschieden. Die Schrift Herzls zeigt Initiative, Phantasie, Begeisterungsfähigkeit. Aber er zwängt diese produktive 31

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.