Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 28 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695760--300-8245813- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sich größtenteils in die Türkei. Der Flüchtlingsstrom ergoß sich in alle Teile des osmanischen Reiches und auch in den Städten Bulgariens ließ sich eine beträchtliche Anzahl jüdischer Flüchtlinge nieder. Einer solchen Flüchtlingsfamilie gehörte der berühmte jüdische Gelehrte Josef Caro, der Verfasser des „Schulchan Aruch" an, dessen Familie sich im Städtchen Nikopol niedergelassen hatte. Die seit alfersher in Bulgarien ansässigen Aschkenasim verschmelzen in der Folgezeit mit den sephardischen Juden, welche ihnen kulturell und numerisch überlegen waren. Die Philippopel: Spaniolische Kinder alten Gemeinden der Aschkenasim verschwanden allmählich und die gesamte Judenheit der Balkanländer nahm im Laufe des XVII. und XVIII. Jahrhunderts mit den Sitten und religiösen Gebräuchen der sephardischen Glaubensgenossen auch die spaniolische Umgangssprache an. Durch den lebhaften Handelsverkehr der unteren Donauländer mit Ragusa, Venedig und Genua angeregt, kamen auch Juden von der Provence und aus Italien über Serbien nach Bulgarien. Noch heute gebrauchen die Spaniolen in einigen Gemeinden Bulgariens viele italienische Wörter in ihrer Umgangssprache. In der abendländischen Reiseliteratur des XVI. und XVII. Jahrhunderts, in welcher die berühmte Heeresstraße von Belgrad nach Konstantinopel vielfach Beschreibung gefunden hat, werden die jüdischen Gemeinden von Sofia, Tatar-Pasardjik und Philippopel häufig erwähnt. Die erste Notiz in der abendländischen Reiseliteratur über die Juden von Sofia teilt Benetro Ramberti im Jahre 1534 mit. Nach dem Berichte des Reisenden K. Zen gab es im Jahre 1550 in Sofia spanische und ungarische Juden, in Philippopel waren damals 300 Häuser spanischer und ungarischer Juden vorhanden. Ein venezianischer Reisender fand im Jahre 1559 in Kustendil, im südwestlichen Bulgarien, eine kleine Kolonie spanischer Juden vor, die aus Saloniki eingewandert waren. Eine bemerkenswerte Notiz findet sich im Reisetagebuch Stefan Gerlachs, der im Jahre 1578 durch Sofia reiste; über die Sofioter Juden berichtet er folgendes: „Es wohnen . . . über 300 Juden, die ihre deutsche, welsche und griechische Schulen haben, doch der mehrer theil Deutsch reden 1" Aus dem Bericht des Dr. Antonio Benetti geht hervor, daß Sofia im Jahre 1666 200 Juden zählte. Damals sandte Sabbathai Zewi aus Abydos ein Schreiben an die Juden von Sofia, sie mögen seinen Geburtstag, den 9. Ab, als Festtag begehen. Die berühmte Donaufestung und Handelsstadt Widdin blieb auch während der Türkenzeit ein Mittelpunkt jüdischer Bildung. Im Jahre 1784 übersiedelte die Familie Ventura von Spalato nach Widdin. Ihr entstammte eine Reihe berühmter Rabbiner Bulgariens. Der erste Rabbiner aus diesem Geschlechte, Sabbathai ben Avraam Ventura, wirkte von 1784 -1806 in Widdin und tat sich auf literarischem Gebiet hervor. Widdiner Juden begründeten im Jahre 1792 die jüdische Gemeinde der aufblühenden Handelsstadt Rustschuk. Als im Jahre 1877 der russisch-türkische Krieg ausbrach, der die Befreiung Bulgariens von der türkischen Herrschaft zur Folge hatte, bemühten sich die bulgarischen Juden, die ja den Türken wegen der gewährten Gastfreundschaft und Duldsamkeit zu Dank verpflichtet waren, eine streng neutrale Haltung einzunehmen. Beim Rückzüge der geschlagenen türkischen Armee erwarben sich die Sofioter Juden große Verdienste um den Schutz der künftigen bulgarischen Hauptstadt, indem sie ein Freiwilligenkorps organisierten und die Stadt vor irregulären türkischen Banden schützten. Am serbisch-bulgarischen Krieg des Jahres 1885 nahmen die bulgarischen Juden rühmlichen Anteil und schlugen sich tapfer in den Reihen der bulgarischen Armee. Nach beendigtem siegreichem Feldzug erließ Fürst Alexander einen Armeebefehl, in welchem die jüdischen Soldaten als „treue Nachfolger der alten Makkabäer" bezeichnet werden. Die liberale bulgarische Verfassung des Jahres 1879 gewährte den Juden, wie allen nationalen und konfessionellen Minderheiten des Landes, vollste Gleichberechtigung mit den übrigen bulgarischen Staatsbürgern. Ein im Jahre 1880 erlassenes Statut regelte die Philippopel; Spaniolinnen Organisation und Verwaltung der jüdischen Gemeinden, denen volle Autonomie zuerkannt wurde. Im Jahre 1878 zählte man in Bulgarien, einschließlich Ostrumelien, 19.000 Juden. Im Jahre 1920 lebten in Bulgarien 43.232 Juden, die sich auf 33 Gemeinden verteilten. Die größten Judengemeinden sind in Sofia, Philippopel, Rustschuk, Varna und Widdin. Nur drei Prozent der bulgarischen Juden sind Asch- 28