Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 26 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Helene Wienet -DER TON IN DER FAMILIE Der Ton in der Familie, besonders, wenn er, wie allgemein erwünscht, ein guter sei, ist nicht allein eine Frage des Gemütes und des Verstandes, sondern vor allem eine Angelegenheit der Selbstdisziplin einer trainierten, also erlernbaren Kultur und der Nerven. Nimm dich zusammen, Iass' dich nicht gehen! Dies wäre ein Haussegen im wahren Sinne des Wortes, wenn jedermann diesen beherzigen, in sich aufnehmen wollte. Nachsicht, Rücksicht, Einsicht — wer diese im Familienleben alle Ruhe und allen Hausfrieden in sich schließenden Empfindungen in die Tat umzusetzen fähig ist, erreicht den oft arg vernachlässigten guten Ton in der Familie, der dem Leben jedes einzelnen, besonders der jugendlichen Mitglieder derselben, oft den Stempel fürs Leben aufdrückt. Wer hat nicht schon die junge Frau kennen gelernt, die so oft hören muß, welch' entzückenden, beneidenswert ritterlichen Mann sie ihr Eigen nennt? Aber nur en ganz aufmerksamer Beobachter bemerkt ein verräterisches Zucken der Oberlippe. Es gelingt der nicht sehr routinierten kleinen Frau so schlecht, ein verbindliches Gesicht zu simulieren, wo ihr doch die Tränen näher stehen als das Lachen. Immer dasselbe. Zuhause nervös, unliebenswürdig, ungerecht, gereizt, Außenstehenden ein Vorbild der Selbstbeherrschung, der Ritterlichkeit. Sie ist so ratlos, dabei weiß sie es genau, daß er sie lieb hat, viel lieber als sie wrß*e. Erst im letzten Winter, als sie die böse Angina hatte und das Fieber über 40 Grad stieg, war sie ganz überrascht, ganz gerührt von seiner sich geradezu fassungslos gebärdenden Sorge. Schon war sie von dem beseligenden Hoffen erfüllt, daß er sich ändern, daß er gütig, sanftmütig werde und freute sich beinahe ihrer Schmerzen, ihrer Lebensgefahr. Sie genas und schon während ihrer Rekonvaleszenz fing die alte böse Leier wieder an. Warum Fremden gegenüber so ganz anders als im häuslichen Kreise? Oder die alte, verwitwete Dame, der ein gütiges oder grausames Geschick den Lebensabend bei der einzigen, verheirateten Tochter zuzubringen aufgespart hatte. Oft preßt sie die Hand auf ihr Herz und beißt ihre Lippen fest zusammen, wenn sie sich allgemein als gesegnete Mutter gepriesen hört. O Gott, wie beneidet sie Altersgenossinnen, die in unabhängiger, wenn auch bescheidener Art entweder ihr Leben allein oder in irgendeinem Altersheim selbständig verbringen dürfen. Wie bitter leidet ihr empfindliches altes Herz bei den ungeduldigen, oft so unkindlichen Zornesausbrüchen im häuslichen Kreise ihrer Tochter. Wie fühlt sie sich verletzt und überflüssig, wie verwünscht sie sich selbst den Rest ihrer Tage. Und wie entzückend kann doch dieselbe Tochter sein! Wie hat dieses Wesen fast ein Janushaupt. Bestrickend, verführerisch den Freunden gegenüber und intolerant, ungerecht Mann, Mutter und Kindern gegenüber. Auch diese alte Dame weiß genau, daß im Grunde ihrer Seele die Tochter ein guter, warmfühlender Mensch ist, der nur ganz undiszipliniert und hemmungslos sich der jeweiligen Stimmung hingibt und rücksichtslos im engen Familienkreise ihrer oft renitenten Gemütsart Ausdruck gibt. Wer kennt in seinem Kreise oder in seinen Erinnerungen nicht die jungen Menschen beiderlei Geschlechtes, die der ungemütliche, gereizte Ton der Eltern untereinander oder einzelner Elternteile den Kindern gegenüber nicht nur das Haus, die Familie, ja oft sogar das Leben verleidet? Wieviel übereilte Berufswahl, wieviel schlechte Gesellschaft, vorzeitig und unüberlegt geschlossene Ehen, ja selbst Flucht aus dem Leben sind nicht oft in erster Linie dem unerquicklichen, kaum zu ertragenden Ton in der Familie zuzuschreiben? Wie ist es zu erklären, daß Menschen, die immerhin auf einem gewissen Bildungsniveau stehen und über ein nicht in Abrede zu stellendes Maß an Verwandtenliebe und Herzensgüte verfügen, sich gerade ihren Nächsten gegenüber intolerant und scheinbar lieblos benehmen? Die Kraft der Nerven und die Größe der Selbstdisziplin äußert sich nicht im Verbeißen eigener Schmerzen und im Ertragen von Sorge und Kummer nur! Lasse dich nicht gehen, nimm dich zusammen! All den anderen gegenüber, mit denen man im engen, oft engsten Kreise leb*, leben will, Glück zu geben und zu empfangen man anstrebt, gipfelt im obersten Grundsatz: Nimm dich zusammen! So paradox es klingen mag, es wäre oft heilsam, wenn man manchen erwachsenen Söhnen oder Töchtern zurufen könnte: Behandelt die alte Frau, der ihr euer Leben verdankt, wie eine fremde Dam|e, die Rücksicht verdient und zu fordern berechtigt isit, selbst wenn sie zugegebener Weise manche euch irritierende Altersgewohnheit angenommen haben sollte! Oder lasset eure Verstimmungen den jungen Burschen und das junge Mädel, die zufällig eure Kinder sind, nicht so rücksichtslos merken! Bemühet euch, etwas Sanftmut in den Ton eurer Stimme zu legen. Es verstimmt und verbittert die jungen Leute, „angeschrieen" zu werden. Ihr könnt das durch kein erhöhtes Taschengeld, das ihr vielleicht in späterer Erkenntnis eurer Ungerechtigkeit dann geben wollt, gutmachen. Der Stachel sitzt und eure mangelnde Selbstbeherrschung löst in euren Kindern nachhaltigen Trotz aus. Rücksicht, ein bißchen Höflichkeit, ein wenig Bedachtsamkeit ergibt den guten Ton in der Familie, ein Synonym für die „gute Kinderstube", die jedepseinen Kindern geben und von seinen Eltern übernommen haben will. 26