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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-07-01 · 9 (Juli 1934) · p. Seite 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
9 (Juli 1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 20 (sequence 22)
Language
German
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Wohl hat der Knabe gleich nach dem Erwachen die, Hände gewaschen, hat sorglich das Waschwasser hinausgetragen und weggeschüttet, um Bath-Chorin zu entfernen. Doch nun fühlte er, daß sie durch den Türspalt eindringt. Auf den Fingernägeln fühlt er sie, wo die Kobolde am liebsten nisten. Die Schedim, die alle menschlichen Gestalten annehmen können. Nur behalten sie immer ihre Hühnerfüße, und daran erkennt man sie. Wie oft schon hat er Mehl vor seinem Bett ausgestreut, um am nächsten Morgen ihre scheußlichen Fußabdrücke sehen zu können ... Das Lichtchen auf dem Holztisch flackert. Und nun schrickt Dawid zusammen. Ein Poltern nebenan, ganz deutlich ... Nebenan sitzt der Vater und lernt. Immer lernt der Vater. Von fünf Uhr morgens an sitzt er an den Büchern, spät nach Mitternacht erst schläft er ein. Er schläft am Tisch, an dem er lernt. Den Arm legt er auf das Buch, den Kopf auf den Arm. So schläft er allnächtlich. Er schilt, wenn man ihn nicht nach •drei Stunden weckt. Sind doch schon sechzig Atemzüge Schlafes ein Vorgeschmack des Todes, den der Fromme nicht kennen soll. — Nur am Freitag, in der Sabbatnacht legt sich der Vater zu Bett. Auch damit erfüllt er ein Gebot. Der Vater tut nichts, was nicht Erfüllung eines Gebotes wäre ... Lilith, die Königin aller Nachtgespenster, — Lilith, die Gattin Samaels, fürchtet der Knabe. Lilith ist es, die die Seelen der erhabensten Menschen versucht. Selbst Adam hat eine Zeitlang mit ihr gelebt, als er nach der Sünde vor Ewa zurückscheute. Dann kehrte er zu Ewa zurück. Seither Liliths Haß wider alle Kinder Ewas; und die größten Seelen haßt sie am wütendsten. Dawid würde sich nicht wundern, wenn Lilith, die Feuerfrau, nebenan in des Vaters Stube sich zu schaffen machte. Und wieder Lärm. Der Knabe kann nicht länger allein bleiben. Er öffnet die Tür zum Studierzimmer des Vaters. In der Tür bleibt er schweigend stehen. Wie er es von der Mutter gesehen hat. Niemand im Hause wagt es^ den Vater anzureden. Man wartet in der Tür. bis der Vater aufschaut und einen bemerkt. Aber der Vater sitzt [a gar nicht am Tisch. Er ist aufgesprungen, hat den Sessel zurückgeschleudert. Die eine Hand vergräbt sich in den großen, silberweißen Bart, der bis an den Gürtel reicht. Die andere ist mit gespreizten Fingern emporgehoben, zittert. Die Lippen, bleich wie der Bart, wollen sprechen, können nicht. Der Knabe springt ans Fenster, auf das die weitgeöffneten Augen des Greises gerichtet sind. Unten der beschneite Hof mit dem Brennvorrat. Eine dunkle Gestalt schlüpft zwischen den Holzstapeln hervor, ist eben im Begriff, über die Mauer zu klettern. Plötzlich kommt Leben in den schreckensstarren Körper des Vaters. Er reißt das Fenster auf, beugt sich weit vor und ruft, so laut er kann, der verschwindenden Gestalt nach. Das eine Wort: „Heffker!" Dawid begreift. „Heffker," das heißt „herrenlos". Der Vater hat das Holz unten für herrenlos erklärt, um die Sünde des Diebstahls zu verhüten. Nicht den Dieb hat ihn erschreckt, sondern die scheußliche Sünde, die begangen werden sollte. Der Dieb klettert davon. Aber er ist kein Dieb mehr, — ein einfacher armer Jude, der von herrenlosem Gut so viel, als erlaubt ist, für seinen Bedarf genommen hat. Und nun sitzt der Vater wieder an seinem Tisch. Das schöne, regelmäßige Gesicht hat schnell in seinen Frieden zurückgefunden. — Dawid möchte nach der Erklärung seiner schwierigen Stelle fragen. Aber ist es denn möglich, den Vater zu stören? — So schleicht er wieder in sein Zimmer, auf Fußspitzen. Doch kann er die weißen Lippen nicht vergessen, denen das Wort „heffker" sich entringt. Die Sache selbst erscheint ihm nicht sehr sonderbar. Auch denkt er nie nach über das, was der Vater tut. Der Vater tut ja unbedingt das Richtige. Aber der ungeheure Anblick, die fassungslosen Augen des frommen Mannes, in denen das Böse sich spiegelte, — das steht den ganzen Tag vor ihm. Auch in der Schule, wo er unaufmerksamer ist als sonst und mehrmals mit der Rute gestraft wird. II. Der Vater ist Gelehrter. Für Lebensunterhalt, selbst Wohlstand, sorgt die Mutter, deren Alteisenkram im Erdgeschoß guten Ertrag bringt. Simson Lemel, der Schreiber, so wird der Vater in der Judenstadt genannt. Er schreibt Thorarollen; mit besonderer Vorliebe aber schreibt er die heiligen Verse für die Tefillin, die Denkriemen, die man beirrii Morgengebet an Stirn und Hand befestigt. — Er schreibt, weil es ihm Freude macht, bei Erfüllung eines göttlichen Gebotes behilflich zu sein. Den Entgelt seiner Arbeit gibt er den Armen, — neben dem Zehnten seines Einkommens, der ohnehin den Armen gehört. Sein ganzes Leben ist dem Preise des Schöpfers gewidmet. Keinen Augenblick vergißt er, daß er vor dem König aller Könige steht, dessen Herrlichkeit die Erde voll ist. Am Morgen erhebt er sich wie ein Löwe zum Dienste des Herrn. So raten es die Weisen. Glejchsam ungeduldig stehe man auf, voll Feuer und Kraft, als wolle man die Morgenröte wecken. Der Verlauf des Tages ist in den heiligen Schriften genau vorgeschrieben. Simson Lemel kennt den geweihten Inhalt jeder Stunde. Es gibt nichts, was nicht zu seiner Zeit geboten oder verboten wäre. Hierdurch steht alles im Zusammenhang mit dem Herrn der Welt. Das Anziehen des Hemdes wie die Reihenfolge, in der man die Schuhe anlegt und die Schuhschnallen schließt, ist durch Ueberlieferung geregelt. Selbst wer nur die Verrichtung der Notdurft verzögert, übertritt schon das Verbot, sich nicht zu verunreinigen. Gottes gedenkt man beim Essen wie beim Trinken. Alles geschieht um seinetwillen. Er hat den Menschen als ein Wunder geschaffen, denn der Mensch gleicht 20

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