Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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haben, das er bei den maßgebenden Faktoren besitzt, ermöglicht ihm einen großzügigen Kampf in der politischen Arena, die er immer wieder betritt, wenn die Nöte der Zeit es erfordern. Das schriftstellerische Prestige hegte er nicht engherzig, wie viele seiner Berufsfreunde. In bösen wie in guten Tagen standen sein Herz und sein Hirn bei der jüdischen Sache. Schwerste denkerische Arbeit hielt ihn nicht ab, für jüdische Ehre zu wirken. Wenn wir Max Brod zu seinem 50. Geburtstag begrüßen und ihm Glückauf zu neuem Tun wünschen, so fühlen wir uns in Uebereinstimmung mit den Hunderttausenden, denen er als Schriftsteller u n d nationaler Jude das Beispiel eines Ringenden und Verstehenden gegeben hat. Po. &U1&&1L I. Es dämmert. Die rauchbraune Morgendämmerung eines Wintertages. Süße Worte der Mutter haben den kleinen Dawid aus dem Schlaf geschmeichelt. Es war noch ganz dunkel, ganz kalt. Aber man schläft nicht so lange! Noch ehe man frühmorgens in die Lernstube geht, wo man dann den ganzen Tag zubringt, noch eine Stunde zuvor sitzt man zu Hause und lernt. Nicht alle Kinder zwar! Andern mag die Schule genügen. Du aber, der Sohn solch eines Gelehrten, eines heiligen Mannes ... Und so sitzt der zehnjährige Knabe, zart, blaß, fröstelnd, unheimlich wie die Dämmerung selbst, sitzt und lernt. Die Knie auf dem Sesselsitz — anders erreicht er den hohen Tisch nicht recht. Beide Ellbogen aufgestützt, die beiden Fäustchen an den Wangen — so ist es ihm am bequemsten. „Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. — Hiezu bemerkt man:. Mit deinem ganzen Herzen, das bedeutet: mit beiden Trieben, sowohl mit dem guten wie mit dem bösen, Trieb." Der Knabe hält ein. Er versteht nicht. Nochmals liest er laut, singend. Hebt einzelne Worte hervor, wie es die Großen tun, wenn sie um einen Satz der Mischna streiten: „Du sollst lieben den Ewigen... auch mit dem bösen Trieb.. « Er versteht nicht. Aber glücklicherweise gibt es Rat für solche Fälle. Auf der riesigen Folioseite, die er vor sich aufgeschlagen hat, sind rings um den Text alle die berühmten Kommentare gedruckt. Ein breiter Rahmen, doppelt so breit wie inmitten der Text. In w inzigen Buchstaben umkränzen die Anmerkungen unseres1 Lehrers Raschi und der Tossafoth-Schule die ewige Wahrheit des Talmudtraktates Brachoth. — Geübten Blickes sucht der Knabe unter den Erklärern nach. Immer singt er, und sein kleiner Körper schaukelt auf und nieder über dem breiten Buch. Seine Gedanken glühen. Laut hält er den letzten Ton aus, laut und lang fragt er noch einmal: „Auch mit dem bösen Trieb?" Doch wie das Wort erklingt, erschrickt er plötzlich. Leiser Nachhall schwebt durch das leere Zimmer. Der Knabe fürchtet sich vor den Dämonen der Nacht. Zwar weiß er, daß die Geister keine Gewalt über, ihn haben, solange er sich mit der heiligen Lehre beschäftigt. Aber nun stockt er ja, nun kann er mift einemmal nicht weiterdenken. Und schallte sein letztes Wort nicht wie eine Beschwörungsformel? Dunkle Gewalten ziehen herauf, die er nicht versteht. Aengsitlich blickt er nach dem Türpfosten. Dort hängt in silberner Kapsel das Pergament mit den Schriftversen, an denen kein Gespenst vorbei kann. Wie aber, wqnn die Mesusa fehlerhaft wäre, wenn nur ein Buchstabe, ja das Köpfchen eines Buchstaben fehlte! Auch das kommt vor — und dann nützt die Formel nichts, dann treiben die bösen Geister ihren Spott mi,t ihr. — Schlaftrunken wehrt das Kind ab. Wenn nun die schreckliche Unholdin zurückkehrte, die Bath-Chorin, die „Tochter der Freiheit"? Jeden Menschen umschlingt sie ganz fest, solange er schläft. Erwacht er, so hält sie ihn nur noch an den Fingerspitzen fest. — Reisebüro MARIENBRÜCKE, I., Rotenturmstr. 26 Telephon R 24-2-86 und R 24-2-87 Allmonatlich die schönsten Palästinazu den billigsten Pauschal- -;- preisen mit und ohne Land- RdSen arrangement. Sichern Sie - sich jetzt einen Platz für unsere Reise „Rosen Haschanall im heiligenLand" mit der „VULCANIA" (36.000 t) ab Wien am 24. August 1934 19