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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-07-01 · 9 (Juli 1934) · p. Seite 21

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
9 (Juli 1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 21 (sequence 23)
Language
German
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einem Schlauche voll Luft — und wiewohl dieser Schlauch Oeffreungen hat, entweicht die Luft nicht, sondern wird zurückgehalten. Es ist offenbar vor dem ruhmvollen Throne des Herrn, daß das Leben des Menschen sich nicht eine Stunde lang erhalten könnte, wenn nur eines der hohlen Glieder geschlossen oder eines der geschlossenen geöffnet würde. Deshalb gedenke der Mensch seines Erhalters. Deshalb trägt er Schaufäden an seinem Leibe, vorn zwei und hinten zwei, damit er gleichsam von Geboten umringt sei. Wenn Simson Lemel an seine tägliche Beschäftigung, das Schreiben der Denkriemenverse, geht, hat er die zahlreichen hierauf bezüglichen Vorschriften vor Augen. Kein Buchstabe darf den andern berühren, jeder muß von einem freien Raum umgeben sein. Die Buchstaben sind dick zu schreiben, damit sie nicht frühzeitig wieder verwischt werden. Die Innen- und Außenseite der Buchstaben schön abzurunden, ist ein gutes Werk. Wiewohl nach einer milderen Ansicht jede schwarze Tinte erlaubt ist, mag sie üallnuß enthalten oder nicht, legt sich Simson Lemel seit jeher die Strenge auf, nur mit Gallnußtinte zu schreiben, die mit Holz- oder Oelruß vermengt ist. Das Fell, aus dem das Pergament bereitet ist, muß mit Gallnuß oder Kalk und einzig und allein zum Zwecke der Erfüllung des Denkriemengebotes gegerbt werden. Kein Buchstabe darf durch ein Löchlein in zwei Teile geteilt sein, jeder Tintenfleck kann das Geschriebene unbrauchbar machen, denn es ist verboten, im Innern eines Buchstabens zu radieren. Aeußerste Sorgfalt Wendet Simson an. Denn sind die Dejnkriemen auch nur mit dem geringsten Fehler behaftet, so versäumt der, welcher sie anlegt, täglich das Gebot des Anliegens, und die Sünde fällt auf den Schreiber zurück. Daher muß der Schreiber sehr gottesfürchtig und in Sachen der Gebote ängstlich sein. So oft der Gottesnamei; vorkommt, muß er sagen, daß er diesen Namen in der richtigen Absicht als Gottesnamen niederschreibt. Auch achtet Simson besonders darauf, die Zeilen gleich und jeden Buchstaben deutlich wie in einem Zuge zu formen, — denn es heißt: die Gegenstände, die zur Vollziehung eines Gebotes erforderlich sind, sollst du schön machen. — Uebrigens ist er bemüht, die Vorschriften des Rabbenu Ascher und des Maimonides miteinander in Einklang zu bringen, indem er von mehreren möglichen Verfahren stets dasjenige wählt, in dem diese beiden großen Autoritäten übereinstimmen. Auch hiedurCh erwirbt er sich ein Verdienst. Ist er nicht mit seinen Denkriemen beschäftigt, so studiert er. Am Nachmittag versammeln sich seine Schüler, von denen einige noch älter sind als er. Denn man schätzt seine scharfsinnigen Auslegungen. Dennoch gibt es keinen bescheideneren Menschen als ihn. Mit fünfzig Jahren Hat er einst begonnen, die Ergebnisse seiner Forschungen niederzuschreiben. Bis dahin hatte er aber nur die Schriften der „Früheren", das heißt der Erklärer vor Maimonides studiert, denn er ging sehr gründlich und methodisch zu Werk, wie es dem erhabenen Gegenstand entsprach. Nun schrieb *** PciaStuta mit der C o m p a s s Tours Gesellschafts- und Mlttelmeer - Reisen! Nächste Mittelmeer-und Palästina-Reise mit dem Riesen-Ozeandampfer Roma ab Wien 15. Juli Für Einzelreisende Schiffskarten zu Originalpreisen! Auskünfte und Anmeldungen im Reisebüro Compass Tours, Wien IX., Spitalgasse 3 Telephon Nr. B 42-5-38 er eine Zeitlang sehr eifrig; doch es war sehr vieles dabei, was die Schriften der „Späteren" längst bekanntgegeben hatten, ohne daß er es wußte. Aus Ehrfurcht wagten Freunde und Schüler nicht, darauf aufmerksam zu machen. Als es dann doch geschah, strich Simson Lemel ruhig das Geschriebene durch .und legte es in die Lade. Keinen Augenblick reute „es ihn, sich auf diese Art fruchtlos abgemüht zu haben. Kannte er denn den Begriff des Ruhmes? Und ist nicht jede Beschäftigung mit der Lehre in sich' selbst höchstes Glück und die eigentliche Bestimmung des Menschen? So lebt Simson Lemel nun schon im sechzigsten Jahre seiner schlichten, unerschütterten Herzensruhe. Er kennt den Sinn seines Lebens und er kennt den Sinn der Welt: Gott zu dienen. Er weiß auch, daß es Myriaden von Geheimnissen gibt, und er ehrt diese Geheimnisse, indem er das Joch der himmlischen Herrschaft auf sich nimmt. In seiner Mäßigkeit, ja Enthaltsamkeit, ist er gleichmäßig heiter, doch kann er, zur Feier des Sabbats oder der Freudenfeste, auch kindlich froh werden, und seine fröhlichen Stunden sind von demselben Frieden erfüllt wie seine ernsten. Fünf Kinder hat ihm Krankheit weggerafft, nur der Jüngste ist am Leben geblieben. Aber nie hat man ein Wort der Auflehnung oder gar der Verzweiflung aus seinem Munde gehört. Nie hat er auf seinem Wege gewankt, nie auch nur Zögern oder Aufregung verraten. Deshalb kann Dawid nicht vergessen, wie der Vater heute mit geweiteten, wahnsinnig verdrehten Augen dreingeblickt hat. War es das Böse selbst, war es Lilith, die er drunten im Hofe gesehen hatte? Wie grauenvoll anzuschauen muß die Sünde sein, wenn sie selbst einen Frommen wie den Vater so zu versteinern vermag! Und doch heißt es, daß man „auch mit dem bösen Triebe" Gott lieben solle ... Der Knabe kann das durchaus nicht begreifen. Und es gibt niemanden, den er fragen könnte. (Aus dem Renaissance-Roman von Max B r o d „Reubeni". — Copyright 1930 by Paul Zsolnay Verlag A. G., Berlin-Wien-Leipzig. 21

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