Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 18 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Der fünfzigjährige Max Brod Dreißig Jahre bin ich alt geworben, Eh' ich begann, öie Sprache meines Volks zu lernen. Da war es mir, als sei ich dreißig Jahre taub gewesen. (Max Brod, 1915.) Auf der Höhe seines dichterischen Einblicks und Schaffens arbeitet Max Brod an einem Buch, das „Heinrich Heine. Jüdisches Schicksal als Schicksal eines Dichters" heißen wird. Der Titel läßt denjenigen, der mit Brods literarischem Werk vertraut ist, den Grundgehalt dieser Heine-Analyse ahnen. Er verführt aber gleichzeitig auch zu seiner Umkehrung: Das Schicksal eines Dichters als jüdisches Schicksal. Für einen im deutschen Sprach- und Kulturraum denkenden Menschen müßte die Auseinandersetzung zwischen seiner jüdischen Seele und der ihr zwangsläufig anhaftenden nichtjüdischen Form von besonderem Reiz sein. Immer wieder sah sich Max Brod vor dieser Spannung stehen. Immer wieder versuchte er, durch Erweiterung des Stoffes diesem Konflikt zu entgehen. Sein Werk bezeugt, daß er mit Schmerz und Wollust das Schicksal des jüdischen Menschen in der nichtjüdischen Umwelt gestaltet hat. Eines kam ihm hiebei zustatten: der Umstand, daß sein Problem auch das Problem war der westjüdischen Generation seiner Zeit. Schon als Zwanzigjähriger war sich Brod der exzeptionellen Stellung der Juden im westeuropäischen, deutsch-humanistischen Bereich bewußt. Als Romancier, Lyriker, Essayist, Kulturphilosoph wurde er von jüdischen Impulsen vorwärts getrieben. Hiebei kam es nicht darauf an, daß er seinen Gestalten und Gedanken „Jüdisches'4 anheftete. Nein! Er empfand dieses Jüdische als ein von altersher Mitbekommenes, Unentrinnbares, Transzendentales. Der Mensch ist in die Welt gesetzt, um nach einem unenträtselbaren Plan der Kraft des Bösen die Kraft der Liebe entgegenzustellen und so der erlösenden Gnade teilhaftig zu werden. Viele der Romane Brods sind Abwandlungen dieser Idee. Unter solchem Aspekt geht so manches, was der Roman als solcher verlangt, verloren. Die Figuren sind nicht Träger der Handlung — oder gar „Rollen". Sie sind Verkörperungen magischer Kräfte, an denen das jüdische Prag so reich ist. Max Brods metaphysische Existenz scheint ohne Prag undenkbar. Prag, der Nährboden so vielen Dichtens ist auch dem Dichter von „Ein böhmisches Dienstmädchen", „Jüdinnen", „Arnold Beer", „Tycho Brahe" bis zu einem gewissen Grade zur Provinz geworden, aus deren ^geographischer Enge er alles bezieht, was das Herz eines Schriftstellers benötigt: die Legende und das Sein. Wieviele wurden von Prag überwältigt! Wieviele erlagen dem Zauber dieser mittelalterlich-„heidnischen" Stadt, in der die leibhaftigen Gespenster schon vor Beginn der Dämmerung ihr Unwesen treiben! Der Golem iniiehtert durch die Gassen. Er wirft seinen Schatten über Schreibtische, an denen die Vernunftmüden und Chaosdurstigen die Federstiele zerkauen. Brod ist dem Golem nicht erlegen. Hejlhörig und hellsichtig selber, konnte er jeweils durch das beglückende Erlebnis des Zurückfindens zum Volk Herr über den Golem werden. Auf dem Boden der deutschen und böhmischen Auseinandersetzung empfand er die Gnade des Judeseins so stark, daß ejr gegen die Anfechtungen des Prager Golems gefeit war. Es muß dies deshalb gesagt werden, um zu erkennen, daß Max Brod nicht etwa aus einem S e n t im e n t heraus sich politisch für den nationaljüdischen Weg entschied. Der nationaljüdische zionistische Gedanke fand einen reifen, denkerisch erfahrenein Mann vor, einen Westjuden, dem die Berührung mit ostjüdischem Wesen zum Zentralerlebnis werden konnte. Brod war damals, es war zum Beginn des Weltkriegs, 30 Jahre alt. Mit dem edlen Fanatismus, der ihm als Schriftsteller, Philosoph, Kritiker, Musiker eigen ist, beginnt er zionistisch zu wirken; nicht etwa als Parteipolitiker — solch eine enge Bindung wäre im Widerspruch zu tseinem weitgezogenen geistigen Bereich gestanden — sondern wiederum als der Mensch, der zu den Quellen des Jüdischen vorstoßen will. „Flüchtlinge" kommen nach Prag. Brod steht als mitfühlender Freund zu, ihnen, hält Literaturkurse und jüdische Geschichtsstunden für die jüdischen Mädchen und Frauen und tritt — das bedeutet vielleicht einen Wendepunkt in seinem Verhältnis zum Ostjudentum — in einer Wiener öffentlichen Versammlung für die geächteten ostjüdischen Flüchtlinge ein, von denen sich das österreichische Assimilationsjudentum ostentativ distanzierte. Max Brods Bekenntnis zu dem, was man im alltäglichen Sprachgebrauch „ostjüdisch" nennt, wirkt sich nun auch praktisch-politisch aus. Der Zusammenbruch der Donaumonarchie bringt grundlegende Umwälzungen mit sich. Max Brod deklariert sich als weitsichtiger Politiker. Die neue Situation erkennend, wirkt er an der Schaffung des ersten jüdischen Nationalrats in Prag (22. Oktober 1918) mit, stürzt sich in die tägliche politische Arbeit, führt gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Abgeordneten Dr. Ludwig Singer die tschechoslovakische Judenheit durch Gefahren in den Schoß des neuen Staates. Wesentlich ist hiebei die Tatsache, daß Max Brod die Grundlagen für alle jüdischen Nationalräte schuf, die bei Errichtung der neuen Staaten konstituiert wurden, das heißt, daß er der nationaljüdischen Landespolitik die Richtlinien gab. Max Brod setzt seine Persönlichkeit für die jüdische Sache ein. Das moralische und ethische Gut- 18