Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Jkoniblau <Kufamann Der neuernannte Professor an der Wiener Musikakademie Man gerät in die Gefahr, sich der landläufigen. Wendungen zu bedienen, wenn man über Bronislav Hubermann als Violinvirtuosen etwas Lebendes sagen will. Die Phrasen sitzen locker in der Feder. Sie verpflichten zu nichts und sie bürden dem Schreiber keinerlei Verantwortung auf. Anders aber wird es, wenn man den Rahmen der Konvention verläßt und das Fragmentarische all solcher Betrachtungen abstreift. Und das ergibt sich zwangsläufig. Denn Hubermann, der Mensch, der Künstler, der Jude, verlangt eine umfassendere, tiefer bohrende. Analyse. Seine Bedeutung besteht nicht etwa in der artistischen Fingerfertigkeit und nicht einmal in der einzigartigen Interpretationskunst. Mit einer Charakteristik dieser Elemente ist man seinem Wesen nur ein kleinwenig nähergekommen. Will man das Singuläre seiner Erscheinung begreifen, so muß man die gewaltigen transzendentalen Kräfte erkennen, von denen seine Gesamtpersönlichkeit erfüllt ist. So enträtselt man allmählich ein Phänomen, allerdings nur bis zu der Grenze, die allem menschlichen Tun ge>- setzt ist. Seit rund vierzig Jahren ist Bronislav Hubermann auf den Konzertpodien aller Weltteile zu hören. Ueberau empfängt ihn Begeisterung, Verständnis, Gefühlswärme. Die Zuhörer sind von der Ausdrucksgewalt seines Spiels ergriffen. Aber bei dieser Haltung geht es um etwas mehr als um den Applaus für einen; Meistergeiger, dessen Programm das umfaßt, was die Konzertbesucher in ihrem grenzenlosen Musikhunger und verfeinerten Sensationsverlangen beanspruchen: um die großen klassischen Konzerte und die kleinen Pikanterien. Unter den hunderttausende!! „Anhängern", die Hubermann besitzt, gibt es kaum einen, der nicht seine außerordentliche Persönlichkeit empfände; der nicht wüsste, daß Hubermann nichts mit dem Typus des herumreisenden Violinvirtuosen zu tun hat, den nicht die Ahnung eines höheren, vergeistigten Musizierens und Nachschaffens berührt hätte. Aber zu diesem Empfinden gesellt sich das Bewußtsein von der seltenen Reinheit seines künstlerischen und menschlichen Wollens: Bronislav Hubermanns Kunst ist nur aus dem Bereich der jüdichen Seele erklärbar. Man weiß, daß Hubermann sich seit einigen Jahren auch um ethisch-politische Strebungen bemüht. Mehrmals hat er das Podium als Tribüne für Kulturpropaganda benützt und sich bemüht, der paneuropäischen Idee zu dienen. Schließlich aber bat ihn schicksalsmäßig die jüdische Idee ergriffen. Seine beiden Aufenthalte in Palästina, vornehmlich der zweite im heurigen Frühjahr, gaben ihm die Grundlage für eine neue, endgiltige Zielrichtung. Die Wiedergeburt des jüdischen Volkes auf dem Nährboden der Kunst, der Musik ist eine Idee, die Hubermann völlig in ihren Bann gezogen hat. Unvergessen sind seine Bemühungen, in Palästina ein Musikzentrum zu schaffen. Seine Vorarbeiten zur Gründung eines philharmonischen Orchesters werden jetzt von gediegenen Fachleuten weitergeführt. Im Zusammenhang mit seiner Stellung zum Kultur- und Schaffensproblem verdient auch seine Haltung zu Hitler-Deutschland vermerkt zu werden. Als im Vorjahr die „sichere Nummer" Bronislav Huber-- mann vom Musik-Direktor des Dritten Reiches, Wilhelm Furtwängler, gebeten wurde, in Hitleirdeutschland aufzutreten, gab der Jude und Künstler Hubermann eine in seiner Ablehnung bezeichnende Antwort. Hubermann stellte zunächst seine Solidarität mit den anderen Künstlern fest, die die nationalsozialistische Revolution „hinausgejagt" hatte, bemerkte ,aber in seinem Antwortschreiben an Furtwängler, daß ein Künstler nur in einer freien, geistig lichten Atmosphäre schaffen könne, was in Hitlerdeutschland nicht gewährleistet sei. Hubermanns Ablehnung war gleichzeitig ein Bekenntnis zur Freiheit künstlerischen Schaffens. In diesem Sinne muß Hubermanns menschliche Persönlichkeit gewertet werden. Die Wiener Musikakademie war gut beraten, als sie Bronislav Hubermann die Leitung der Meisterklasse für Geige übertrug. Einen künstlerisch und menschlich bedeutenderen Lehrer hätte sie nicht finden können. Der Jude Hubermann als Lehrer im Musikzentrum Wien ist ein beglückender Hoffnungsstrahl auf dem dunklen Himmel unserer Zeitgeschichte. M. i. 17