Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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rend der Siebziger- und der ersten Achtzigerjahre verbaut wurde und bis dahin von Feldern und Gärten bedeckt war. Er nahm die Massen auf, die während der liberalen Äera aus den nördlichen Kronländern und aus Nordwestungarn nach Wien strömten. D i e Zusammensetzung der Wiener Bevölkerung hatte sich von den Sechziger jähren an durchgreifend verändert. Die Aufhebung der Ghetti durch den Liberalismus und die Gewerbefreiheit lockte unzählige böhmische, mährische und ungarische Juden nach Wien, während der bisherige Zustrom aus Süddeutschland durch das Aufblühen Preußens und Berlins immer mehr nachließ. Es ist interessant, daß die Juden der alten Monarchie, selbst die der ungarischen Reichshälfte, nach dem Ausgleich von 1867, dem die Magyarisierung der ungarländischen Juden folgte, immer nach Wien gravitierten. Außer den vielen Juden kamen während der Jahre des Liberalismus auch viele Tschechen in die Donaustadt, denen die junge Industrie Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten bot. Der Volkert, zwischen Nordwestbahnhof und Nordbahnhof gelegen, war das geeignete Aufnahmsgebiet für die Zuwanderer, die, meistens unbemittelt, glücklich waren, unweit des Bahnhofes eine nicht allzu teure Behausung zu finden. Die verhältnismäßig große Anzahl von Juden in einer anderen früheren Wiener Vorstadt, der R o s s a u, ist unzweifelhaft auf die Franz-Josefs-Bahn zurückzuführen, welche, ungefähr um dieselbe Zeit wie die Nordwestbahn erbaut, böhmische Juden in ursprünglich rein christliche Vorstädte brachte. Das „Ghetto" im dritten Bezirk, die W e i ß g ä r b e r, ist damit zu erklären, daß ein Teil der Zuwanderer vom Nordbahnhof über die Franzensbrücke zu der neuausgebauten uralten Vorstadt wanderte, die mit der Geschichte der Wiener Juden Die laborlinie Historisches Museum der Stadt Wien eine jahrhundertalte Beziehung besitzt. Im Jahre 1421 fand auf der Gänseweide, der heutigen Erdberger Lände, die große Judenverbrennung statt, mit der das erste Wiener Ghetto sein trauriges Ende fand. Die Juden vom Volkert assimilierten sich ebenso rasch wie ihre Glaubensgenossen in der Rossau und auf den Weißgärbern. Sie fühlten sich wohl in der schönen Stadt, besuchten die Lokale der Volkssänger Am Tabor und im Prater, die Kinder tummelten sich im Augarten und auf den Praterwiesen herum. Trotz des aufreibenden Existenzkampfes und der vielen Sorgen befand man sich in einer anderen Atmosphäre, als sie in den alten Judengassen böhmischer, mährischer und slowakischer Kleinstädte oder Dörfer gewesen war. k Nordbahnho) Historisches Museum der Stadt Wien Die Verhältnisse wurden anders, als zu Beginn der Achtzigerjahre Kleinbürgertum, Intelligenz und Halbintelligenz gegen den Liberalismus zu rebellieren begannen und eine wüste antisemitische Hetze, vorerst deutschnationaler Prägung, einsetzte. Die Wiener Juden betrachteten sich zum größten Teil als deutsche Juden und waren mit einer gewissen Tradition von 1848 her erfüllt. AdolfFischhof hatte am 13. März 1848 als erster in Oesterreich eine öffentliche Rede gehalten, unter den ersten Toten der Revolution war der jüdische Student Spitzer gewesen und Hermann Jellinek mußte seine Ueberzeugungstreue und seinen radikalen Eifer mit dem Leben büßen. In den Achtzigerjahren war es bereits in Vergessenheit geraten, daß sich die Wiener Juden im tollen Jahre zu den Farben schwarz-rot-gold bekannt hatten. In den nationalen Burschenschaften und Turnvereinen wurde der Arierparagraph eingeführt und zur selben Zeit, als die Juden aus den deutsch nationalen Verbänden in weitem Bogen hinausflogen, rückten unzählige Tschechenstämmlinge nach, die sich ehrlich für die Belange des deutschen Volkes ereiferten. Die tschechischen Kleinbürger, die Schneider, Schuster und Ämtsdiener, hatten denselben Ehrgeiz wie die armen jüdischen Händler und Agenten: sie wollten, daß es ihre Kinder besser hätten wie sie selbst und ließen sie studieren. Während nun die jüdischen Studenten und Akademiker auf immer heftiger werdenden Widerstand stießen, machten die deutschbewußten Söhne böhmischer Kleinbürger rasch Karriere, wurden einflußreiche Staatsbeamte und mitunter sogar deutschnationale Politiker. Der Volkert kann seine liberale Herkunft nicht verleugnen. Die städtischen Schulen in der Pazmanitengasse, der Darwingasse und der Holzhausergasse wurden unter den Bürgermeistern Felder, Newald und 15