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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-07-01 · 9 (Juli 1934) · p. Seite 14

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
9 (Juli 1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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Ein Wiener Bezirksteil: Von Otto Morgenstern Zu den lokalgeschichtlich interessantesten Bezirken Wiens gehört unzweifelhaft die Leopoldstadt, die schon zur Zeit der Türkenkriege eine beachtenswerte Vorstadt darstellte, deren Hauptverkehrsader so wie heute die Taborstraße, der Beginn des von Wien nach Böhmen, Mähren und Polen führenden alten Handelsweges war. Die Leopoldstadt, nach Kaiser Leopold I. benannt, wurde nach Aufhebung des letzten Wiener Ghettos, Jagdschloß Prinz Eugens am Tabor Historisches Museum der Stadt Wien das sich 1624 bis 1670 zwischen Tandelmarktgasse, Leopoldsgasse, Pfarrgasse und Taborstraße befand, aus der Judenstadt und deren christlicher Umgebung auf dem Unteren Werd, wie die ganze Donauinsel einschließlich der heutigen Brigittenau genannt wurde, gebildet. Fast gleichzeitig mit den Juden waren auf dem Werd, das Jahrhunderte hindurch der Pfarre Leopoldau unterstanden war, die Karmeliter eingerückt, die nun die Seelsorge übernahmen. Die Barmherzigen Brüder hatten ihre menschenfreundliche Tätigkeit ein Jahrzehnt vorher aufgenommen. Mit der Leopoldstadt ist die klassische Zeit der Wiener Volksbühne verbunden, Ferdinand Raimund und Johann Nestroy feierten im alten Leopoldstädter Theater ihre Triumphe, eines der ältesten Wiener Brauhäuser Der „ Volkert" befand sich in der Malzgasse, in der Floßgasse wurde Johann Strauß Vater, im alten Hirschenhaus in der Taborstraße Johann Strauß Sohn geboren, zwei weltbekannte Musiker, die als Repräsentanten echtesten Wienertums gelten und die Judenstämmlinge*) waren, eine Tatsache, die noch immer wenig bekannt ist, weil sie von den Strauß-Biographen aus begreiflichen Gründen verschwiegen wird. In den stürmischen Oktobertagen des Jahres 1848 wurde in der Taborstraße und in der Jägerzeile, der heutigen Praterstraße, wo General Bern die Aufständischen befehligte, gekämpft und ein Opfer der Windischgrätz'schen Kanonade war das Odeon, ein Vergnügungslokal von großen Dimensionen, an das noch die sonst uninteressante Odeongasse erinnert. Zahlreiche Besitze, Schlösser, Palais und Gärten des Hofes und der Aristokratie befanden sich in der beliebten Vorstadt. Vom Augarten und dem Prater abgesehen, ist ein Schloß Prinz Eugens auf dem Tabor bemerkenswert; in der Oberen Äugartenstraße befindet sich noch heute ein Maria-Theresien-Schlössel. Der berühmte Kardinal Kollonitsch ließ sich nach der Vertreibung der Juden hier ein Palais errichten und Alexander Bach, der Minister der Fünfzigerjahre, besaß nicht nur ein Schloß in Unter-Waltersdorf, sondern auch ein Haus in der Praterstraße. Die in Grillparzers Novelle „D er arme Spielmann" erwähnte Gärtnergasse ist nicht etwa die gleichnamige Gasse des dritten Bezirkes, sondern die Novaragasse, die erst nach Radetzkys Sieg über die Piemontesen bei Novara ihren heutigen Namen erhielt. In den gesetzgebenden Körperschaften war die Leopoldstadt durch eine Reihe namhafter Politiker vertreten: durch Eduard Sueß, den großen Geologen, Karl Lueger, den populären Bürgermeister, Franz Schuhmeier, den Volkstribun aus Ottakring, und Julius Ofner, den unvergeßlichen Sozialpolitiker. Mancherlei Interessantes wäre noch von dem Bezirk, der „Judeninse 1", wie er von den Antisemiten seit den Ächtzigerjahren bezeichnet wird, zu erwähnen. Allein, hier soll hauptsächlich von einem Teile der Leopoldstadt gesprochen werden, dem Volkert, der seltsamerweise von den vielen Wiener Lokalschriftstellern und Topographen nicht sehr beachtet wird, obwohl er während eines bemerkenswerten Zeitraumes verbaut wurde und es ihm zu verdanken ist, wenn der zweite Wiener Gemeindebezirk bei den mehr oder weniger temperierten Judengegnern als Judeninsel gilt. Als Volkert, richtig „Im Volkert", gilt der Bezirksteil zwischen dem unteren Teil der Taborstraße, dem Tabor, der Nordbahn- und der Heinestraße, ein immerhin ziemlich umfangreiches Gebiet, das wäh- *) Der bekannte Straußforscher Prof. Fritz Lange bestätigte in einem Gespräche kurz vor seinem Toöe unumwunden, daß öie Familie Strauß jüdische Ahnen hatte. (Siehe Dr. ]osef S. Blochs Lebenserinnerungen, 3. Banö). 14

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