Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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auf unseren Gesichtern eine dicke Schicht von Staub und im Licht der Taschenlampe erkannten wir mit Schrecken, daß wir alle „ergraut" waren. Der Staub war tagelang nicht aus den Haaren herauszukriegen. Kommt einem auf dieser Fahrt — wie dies allerdings selten der Fall war — ein Auto oder ein Fuhr- Blick auf Jerusalem werk entgegen, so muß eines von den beiden aus den Furchen heraus ins offene Feld fahren. Wenn man dann aneinander vorbei ist, fährt der Wagen wieder in seine Furche hinein. Dies alles geschieht, ohnje daß das Tempo auch nur im geringsten verringert wird. Man kann sich also ungefähr vorstellen, wie sich eine derartige Begegnung auf den Zustand der im Innern des Wagens Befindlichen auswirkt. Zum Glück erreichten wir doch nach ungefähr lVs Stunden Fahrt die gebaute Chaussee. Wer geglaubt hätte, daß der Wagen schon sein Aeußerstes. an Tempo hergegeben habe, hatte sich geirrt. Unwahrscheinlich, was für ein Tempo in der alten Kiste steckte. Sie glaubte augenscheinlich, das, was bisher der Boden an uns verbrochen hatte, nunmehr durch erhöhte Geschwindigkeit gutmachen zu müssen. Bei so einer Nachtfahrt sieht man erst, wie schön Palästina ist. Zwar, viel Gelegenheit, herauszuschauen, hatten wir nicht, aber was wir sahen, war unbeschreiblich! Der Vollmond goß sein milchweißes Licht über einer Landschaft aus, wie sie sich die Phantasie eines Dichters nicht seltsamer ausmalen kann. Oed, verlassen scheint das Land, nur bestandein von einzelnen, grotesk verkrümmten Bäumchen. Entlang der Straße eine Hecke von mannshohen Kaktusstauden. In der Ferne, klar wie nach einem Regenschauer, ein hohes Gebirge. Man fährt wie durch ein Märchen! So unwirklich erscheint alles im Mondschein, so zauberhaft! Unsere Straße führte entlang eines Kammes. Links und rechts sah man tief in die Täler hinab, sah hie und da ein Licht in einem fernen Häuschen schimmern. Manchmal auch stand ein Kamel einsam und scheinbar völlig allein am Straßenrand. Seine Silhouette, unwirklich wie ein Ueberbleibsel aus längst vergangener Zeit, hebt sich dunkel vom Nachthimmel ab. Sein Blick, dieser sonst so stupide Blick, streift das hetzende Auto, mit einer Ueberlegenheit, einer Erhabenheit über Raum und Zeit, wie sie typisch ist für den Orient, für seine Menschen und Tiere. Von Zeit zu Zeit passiert man eines der malerischen arabischen Dörfer, deren Anlage sich wunderbar in das Landschaftsbild einfügt, als habe sie ein Künstler eben gerade dorthin gestellt. Um 2 Uhr morgens begann es lebhaft zu werden. Häufiger wurden (d.ie Begegnungen mit anderen Fahrzeugen, und dichter die Siedlungen. Unser Auto wurde angehalten: Jerusalem, Stadtgrenze. Hier wird jeder ankommende Wagen visitiert. Verschlafene arabische Polizisten, Wirbel, Geschrei; wir waren nicht der einzige Wagen, der in die Stadt wollte. Das ganze merkwürdige Verkehrswesen Palästinas wurde uns hier vor Augen geführt. Kamelkarawanen, Eseltreiber mit ihren Eseln, Ochsenwagen, Karren, von Kamelen gezogen, und mitten dazwischen: Autos, Lastwagen, Autobusse: Vertreter der neuen Zeit, des neuen Lebens in Palästina. Nach ungefähr zwanzig Minuten durfte unser Wagen weiter. Omar-Mosdiee Einfahrt in Jerusalem, in die heilige Stadt, das Zentrum der Welt. Feenhaft der Anblick, den die Stadt um diese Stunde bot. Moscheen, Tempel, Kirchen, Paläste, schimmernd im Mondlichf, wie durchsichtiger Marmor, wie eine Stein und Wirklichkeit gewordene Fata Morgana. Unsagbar zart und silbern glänzend das Filigran der Minarets, wuchtig und schwer die Türme der Kirchen. Eine Stille liegt über der heiligen 12