Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Schmeicheleien, die man uns zurief. Wir waren ufis des Bedrohlichen der Situation gar nicht bewußt, erst als unser Wagen loszurasen begann, bemerkten wir, daß wir ringsum von den gut bewaffneten Arabern so gut wie eingeschlossen waren. Unser Wagen stürmte die Straße entlang, die Araber hinter uns drein; sie konnten uns natürlich nicht erreichen und blieben schließlich zurück, fluchend und die Fäuste schüttelnd. Wir waren alle bleich geworden und die „Romantik" war da! In Kfar Jecheskiel hielt unser Milchauto vor dem Lokal der „Tnuvah", die hier eine Art Sammelstelle eingerichtet hat. Es hieß „umsteigen" in den Wagen nach Jerusalem. Ein Lastauto stand da, modern, elegant, vorn zwei Reihen gepolsterter Sitze, die wir gleich unter uns aufteilten. Wir strahlten, denn eine so schöne Reisegelegenheit hatten wir uns gar nicht erwartet. Wir hörten aber bald auf zu strahlen, denn es stellte sich heraus, daß dieser schöne Wagen garnicht nach Jerusalem, sondern nach Tel-Aviv ging. Hätten wir gewußt, was uns in dieser Nacht noch bevorstand, wir wären lieber nach Tel-Aviv gefahren. Im Milchauto So aber kam um zirka 10 Uhr nachts — es war ziemlich kalt geworden — ein Auto daher: das Auto nach Jerusalem. Es mag ja richtig sein, daß dieses Auto erst seit letzter Zeit als Lastauto in Verwendung stand. Früher soll es, wie man uns versicherte, ein Personen-Autobus gewesen sein. Ich wäre auch in seinen besten Zeiten nicht gern vier Stunden damit gefahren. Es wurde beladen mit Milchkannen, mit Benztnkannen, mit Kisten und Kistchen, und auf das alles drauf kamen wir. Wir machten es uns bequem, so gut es da ging, und pünktlich um halb 11 ging es los. In einem Höllentempo, von dem man sich keine Vorstellung machen kann! Wohin es ging, das sahen wir nicht, denn der Wagen war allseits mit Piachen verdeckt. Nur rückwärts hatte man für uns ein „Fensterl" offen gelassen. Durch dieses Loch lugten wir ängstlich in die finstere Landschaft hinaus. Nun muß man wissen, daß es in Palästina zweieilei Arten von Landstraße gibt: die eine, schön gebaute, die „Chaussee", der sogenannte „Kwisch". Auf ihr zu fahren, bedeutet ein Vergnügen. Die andere Art ist eben die gewöhnliche Landstraße. Die sieht so aus: Wüste, oder etwas, das wie ein frisch durchfurchter Acker aussieht, und mitten durch gehen zwei Furchen, zwanzig Zentimeter tief eingeschnitten. Diese Furchen haben ungefähr den Radabstand eines normalen Automobils und in ihnen fährt das Auto. Nun sind diese Furchen aber weder maschinell hergestellt, noch werden sie gereinigt oder sonstwie Arabisches Dorf in Ordnung gehalten. Daher kommt es, daß bald die eine Seite eine Vertiefung aufweist, bald die andere, daß Steine in den Furchen liegen, mal in der rechten, mal in der linken. Ueber all diese Hindernisse muß das Auto hinweg und es nimmt sie mit unvergleichlichem Elan, ohne die mindeste Rücksicht auf die Nerven und das Verdauungssystem der Insassen. Schon nach drei Minuten Fahrt war unsere ursprüngliche Einteilung völlig über den Haufen geworfen. Wir saßen auf dem Boden des Fahrzeuges, um uns herum tanzten mit Geklirr und Geschepper Kannen, Kisten und Koffer eir.en spukhaften Reigen. Eine Benzinkanne wurde bei dieser Gelegenheit leck: in der Folge ließ sie Benzin ausfließen. Diese sonst so wertvolle Flüssigkeit ergoß sich über Koffer und Kisten, durchtränkte Kleider und Lebensmittel. Und der Wagen raste durch Kidrontal bei Jerusalem die „gebirgige" Landschaft, als ob ein Heer von Teufeln hinter ihm drein wäre. Natürlich ist diese Art von Landstraße zwecks Verhinderung der Staubplage keineswegs mit Wasser besprengt. Hinter uns stand eine Wolke von Staub, der überall hineindrang. Auch ins Wageninnere. Nach knapp einer Viertelstunde lag 11