Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Müller: Fahrt nach Jerusalem Man kann auf verschiedene Weise in Jerusalem einziehen. Seinerzeit auf weißen Eseln, Kamelen oder feurigen Rossen, heutzutage auch mit der Eisenbahn, im Personen- oder D-Zug, oder mit den eleganten, prachtvollen Autobussen der jüdischen Verkehrskooperative ,,Eged". -Wir waren mit dem Milchauto der „Tnuvah", — das ist die Milchverwertungsgenossenschaft der Emek-Kolonien — in der Heiligen Stadt, recht unheilig gestimmt, eingetroffen. Speisesaal von En-Charod Tagsüber waren wir im Emek gewesen, hatten uns mit Eindrücken des neuen jüdischen Lebens in den verschiedenen Kolonien vollgepumpt und waren schließlich zum Nachtmahl in En-Charod eingetroffen. En-Charod ist vielleicht eine der wundervollsten, sicherlich aber die komfortabelste Kolonie. Wer sich unter einer Kwuzah etwas äußerst Primitives vorstellt, würde sehr überrascht sein; im Speisesaal von En-Charod zum Beispiel gibt es einen elektrischen Speisenaufzug, elektrisch gekühltes, wunderbar gutes Wasser usw. In diesem Speisesaal saßen wir also und überlegten, wie wir ohne besondere Kosten am nächsten Tage nach Jerusalem kommen könnten. Wir Burschen waren dafür, ganz normal und ohne Rücksicht auf die auflaufenden Spesen mit dem ,,Eged''-Autobus von Afule zu fahren. Aber das war unseren Mädchen nicht romantisch genug. Sie verlangten — unter dem Vorwand größerer Wirtschaftlichkeit —, daß wir „tippeln" sollten. Tippeln, das heißt, sich auf die Landstraße Sellien und warten, bis ein Auto einen rrifitnimmt. Dagegen hatten nun wir Burschen allerlei Einwände, vor allem natürlich aus Gründen der Ritterlichkeit: man könne von niemandem füglich verlangen, daß er fünf Personen auf einmal mitnehme und andererseits könne man ein Mädchen nicht allein fahren lassen, und so weiter. In Wahrheit wollten wir vermeiden, stundenlang auf der glühenden Landstraße stehen und auf ein Auto, das uns danin womöglich erst recht nicht mitnehmen wollte, warten zu müssen. Da kam einer von uns mit einem neuen Vorschlag: Gestern am Abend hatte man uns erzählt, von Kfar Jecheskiel fahre täglich ein M i 1 c h a u t o nach Jerusalem, das gegen ganz geringe Bezahlung Passagiere mitnehme. Dieses Verkehrsmittel sollten wir benützen. Der Vorschlag wurde angenommen; er gab beiden Parteien etwas: die Burschen durften zahlen und die Mädchen bekamen ihre Romantik. Um halb 9 Uhr abends ging ein Lastauto von En-Charod nach Kfar Jecheskiel ab. Es war ein ganz gewöhnliches offenes Auto. Wir waren von der Aussicht, mit diesem Wagen, wenn auch nur 10 Minuten, bis Kfar Jecheskiel fahren zu müssen, nicht sonderlich begeistert, dachten aber, daß es dann doch wohl besser werden würde. Zunächst wurden also Milchkannen auf das Auto geworfen, dann Kisten, zuletzt wir. Es konnte losgehen. Punkt halb 9 Uhr ging es auch los. Der Mond war eben aufgegangen und beleuchtete unseren Weg. Wir fuhren durch weite Kulturen, gepflegtes und gepflügtes Land, durch Mondlicht traumhaft, fast visionär verklärt: neues Land! Ungefähr in der Mitte des Weges tauchte eine Kamelkarawane vor uns auf. Endlos lang; meiner Schätzung nach dürften es zirka 120 Kamele gewesen sein. Sie gingen, eines hinter dem anderem, in ihrem langsamen, gleichmäßig wiegenden Schritt und ordneten sich mit ihrer behäbigen Ruhe wunderbar in die schlafende Landschaft ein. Unser Chauffeur begann zu hupen. Das störte die Kamele nicht, wohl aber störte sie der blendende Scheinwerfer. Die Tiere, die der Lichtkegel traf, wurden scheu, bäumten sich auf und jagten los, irgendwohin. Im Nu war die schöne lange Reihe nach allen Karawane Seiten zerstoben. Die Treiber, zum größten Teil auf schönen, gut gepflegten Pferden, setzten den einzelnen Tieren nach. Ein Geschimpfe und Gefluche begann, wie man es sich in Europa gar nicht vorstellen kann. Zum Glück verstanden wir nur sehr mangelhaft die 10