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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-07-01 · 9 (Juli 1934) · p. Seite 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
9 (Juli 1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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Beratungen und Beschlüssen eilen. Darum soll Aufklärung und Beruhigung von diesem Kongreß aus.- gehen. Ueberall soll man erfahren, was der Zionismus, den man für eine Art von chiliastischem Schrecken ausgab, in Wirklichkeit ist: eine gesittete, gesetzliche, menschenfreundliche Bewegung nach dem alten Ziel der Sehnsucht unseres Volkes. Was die Einzelnen unter uns schrieben oder sagten, konnte und durfte man achtlos übergehen — nicht mehr das, was der Kongreß hervorbringt. Möge darum der Kongreß, der fortab der Herr seiner Debatten ist, als weiser Herr wirtschaften. Und endlich wird der Kongreß für seine eigene Dauer sorgen, damit wir nicht wieder auseinanderlaufen, spurlos und ohne Wirkung. In diesem Kongreß schaffen wir dem jüdischen Volke ein Organ, das es bisher nicht hatte, das es aber dringend, zum Leben dringend braucht. Unsere Sache ist zu groß für den' Ehrgeiz .und die Willkür einzelner Personen. Sie muß ins Unpersönliche hinaufgehoben werden, wenn sie gelingen soll. Und unser Kongreß soll ewig leben, nicht nur bis zur Erlösung aus der alten Not, sondern nachher erst recht. Heute sind wir hier auf dem gastlichen Boden dieser freien Stadt — wo werden wir übers Jahr sein? Aber wo wir auch seien und wie lange unser Werk bis zur Vollendung dauere, unser Kongreß sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, niemandem zum Trutz und allen Juden zur Ehre und würdig einer Vergangenheit, deren Ruhm wohl schon fern, aber unvergänglich ist! (Stürmischer Beifall.) Rabbiner Dr. Cohn (Basel): Geehrte Versammlung! Sie empfangen mich mit einem Beifallssturm, den ich bis dahin noch nicht verdient habe. Ich bin kein Freund des Zionismus gewesen und ich bin bis zur Stunde noch nicht für die Sache begeistert, von der ich sehe, daß sie Ihr Herz mit Enthusiasmus erfüllt. Ich danke Ihnen, daß Sie mich als Gast zu Ihrem Kongreß geladen haben. Sie haben mir unvergeßliche Stunden bereitet. Wenn ich an die Reden von Dr. Herzl und Dr. Nordau denke, schwillt mir das Herz vor Begeisterung. Die Rede von Dr. Nordau könnte jeder Orthodoxe unterschreiben, Wort für Wort, Satz für Satz. Manche Rede ist gehalten worden, die ich nie, vergessen werde, solange ich lebe; ich bin froh, daß der Kongreß in Basel stattgefunden und ich demselben beiwohnen konnte. Ich bin über manches aufgeklärt worden, über die Not unserer Brüder im Osten, wovon ich keine Ahnung hatte. Ich habe den Zionismus kennen gelernt und ich habe gesehen, daß derselbe eine Bewegung ist, die wir allesamt unterschätzt haben. (Ungeheurer Beifall.) Ich muß nochmals diesen Beifall ablehnen, ich muß ausdrücklich sagen, ich bin ein religiöser Jude. Ich hoffe, daß das National-Judentum der Uebergang zum religiösen Judentum sein wird. Ich komme zu dem, was ich dem hohen Präsidium vorzulegen beauftragt bin. Es wird Sie befremdet haben, daß die Bewegung in Deutschland bis jetzt sozusagen wenig Fortschritte gemacht hat, daß speziell die orthodoxen Rabbiner, die doch allem, was mit Zion zusammenhängt, eine große Verehrung entgegengebracht haben, dem Zionismus kühl gegenüberstanden. Wir orthodoxe Juden haben im Laufe dieser Jahrhunderte nicht durch den Zionismus, aber sonst so viele bittere Erfahrungen gemacht, wir sind so oft schon vergewaltigt worden. Das gebrannte Kind fürchtet das Feuer. Wir fürchten, wenn nun der Judenstaat entstehen sollte, daß dann die Leitung der Partei, von der wir wissen, daß sie unserer Gesinnung nicht huldigt, die Orthodoxen vergewaltigt. Ich persönlich glaube es nicht. Das ist die Erklärung, warum die Orthodoxen bis jetzt sich kühl verhalten haben. Insbesondere fürchten die orthodoxen Rabbiner, so sehr sie mit der Kolonisation von Palästina sympathisieren, daß in den zu gründenden Niederlassungen im Heiligen Lande die Juden gezwungen werden könnten, die Heiligkeit der Sabbathe zu verletzen. Sie fürchten, daß, bei der religiösen Richtung der Majorität, diejenigen bevorzugt werden könnten, die die Ansicht derselben teilen. Wenn wir über diesen Punkt durch eine ausdrückliche Erklärung beruhigt werden könnten, so würden die Bedenken aufhören und wir würden versuchen, im Kreise unserer Gesinnungsgenossen dahin zu wirken, daß sie sich dem Zionismus zuwenden. Ich bitte das Präsidium um seine Meinung, wie die Zionisten zu dieser religiösen Frage Stellung zu nehmen gedenken. (Beifall.) Präsident Dr. Theodor Herzl: Zunächst danke ich Seiner Ehrwürden, Herrn Dr. Cohn, für sein loyales Auftreten als unser bislheriger Gegner und für die Offenheit seiner Anfrage, die ich in ihrer. Einzelheiten gewiß nicht beantworte^ werde. Ich kann Sie versichern, der Zionismus beabsichtigt nichts, was die religiöse Ueberzeugung irgendeiner Richtung innerhalb des Judentums verletzen könnte. (Stürmischer Beifall.) Im Nachtrag zu einem Punkte der Tagesordnung muß ich eine kurze Bemerkung machen. Es sind mir im Verlaufe des letzten Jahres viele Beschwerden aus Palästina zugekommen über Mißstände in den Kolonien. Ich glaube dem Gefühle der Mehrheit des Kongresses zu entsprechen, wenn ich auf die nähere Behandlung dieser Beschwerden nicht eingehe, sondern es der Kommission überlasse, sich darüber nähere Aufklärung zu verschaffen. Der ganze Verlauf unseres Kongresses war ein so würdiger, daß wir keinen Mißton hineinbringen wollen. Es gibt Schwierigkeiten überall, bei allen menschlichen Unternehmungen und so auch hier. Ich glaube diesen Beschwerden Rechnung zu tragen, wenn ich sie signalisiere. Jetzt sind wir am vorläufigen Schluß unserer Arbeit. Wir müssen zunächst den Dank aussprechen dieser gastlichen Stadt, die uns mit solchem Wohlwollen empfangen hat, der Regierung, die uns verschiedene Zeichen ihrer Sympathie gegeben hat, durch Erleichterung der Vorarbeiten des Kongresses und 8

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