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Wiener jüdisches Familienblatt · 1934-07-01 · 9 (Juli 1934) · p. Seite 6

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Journal
Wiener jüdisches Familienblatt
Volume
2 (1934)
Issue
9 (Juli 1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Oeffentlichkeit der Verhandlungen, wie sie unser Kongreß bezweckt, von hohem Wert. Wer die Sache ruhig bedenkt, wird sich doch sagen müssen, daß der Zionismus auf andere Weise, als durch eine rückhaltlose Auseinandersetzung mit den beteiligten politischen Faktoren sein Ziel nicht erreichen kann. Die Schwierigkeiten der Kolonisationsbefugnis wurden bekanntlich nicht erst durch den Zionismus in seiner gegenwärtigen Gestalt geschaffen. Man muß sich fragen, welches Interesse die Erzähler solcher Märchen denn eigentlich haben. Das Vertrauen der Regierung, mit der man über eine Ansiedlung jüdischer Volksmassen im großen Maßstabe verhandeln will, läßt sich durch offene Sprache, durch ein loyales Vorgehen erreichen. Die Vorteile, die ein Volk als Gegenleistung zu bieten vermag, sind so bedeutend, daß die Unterhandlungen von vornherein mit genügendem Ernst ausgestattet sind. In welcher rechtlichen Form die Einigung schließlich stattfinden soll, darüber heute zu reden, wäre ein müßiges Beginnen. Nur das eine ist unverbrüchlich festzuhalten: Die Basis kann nur ein Zustand des Rechtes und nicht der Duldung sein. Mit der Toleranz und dem Schutzjudentum haben wir nachgerade genug Erfahrungen gemacht. Unsere Bewegung hat folglich nur dann einein vernünftigen Zug, wenn sie öffentlich-rechtliche Bürgschaften anstrebt. Die bisherige Kolonisation hat das erreicht, was sie nach ihrer Anlage erreichen konnte. Sie hat die vielbestrittene Tauglichkeit der Juden zur Landarbeit erhärtet. Sie hat diesen Beweis, wie es in der Rechtssprache heißt, zum ewigen Gedächtnis erbracht. Aber die Lösung der Judenfrage ist sie nicht und kann sie in der bisherigen Form nicht sein. Sie hat a'uch, gestehen wir es uns offen, einen bedeu,-, tendero Anklang nicht gefunden. Warum? Weil die Juden rechnen können, es wird sogar behauptet, daß sie es zu gut können. Wenn wir nun abnehmen, daß es neun Millionen Juden gibt und daß es der Kolonisation gelänge, jährlich zehntausend Personen in Palästina anzusiedeln, so würde die Lösung der Judenfrage 900 Jahre in Anspruch nehmen. Das sieht unpraktisch aus. Nun wissen Sie aber, daß die Ziffer von zehn,-, tausend Ansiedlern jährlich geradezu phantastisch ist, unter den jetzigen Verhältnissen nämlich. Die türkische Regierung würde bei einer solchen Ziffer sofort die alten Einwanderungsverbote auffrischen — und das» wäre uns gerade recht. Denn v/er da glaubt, daß die Juden sich in das Land der Väter gleichsam einschmuggeln könnten, der täuscht sich oder täuscht andere. Nirgends wird das Auftauchen von Juden so schnell signalisiert, wie in der historischen Heimat des Volkes, eben weil es die historische Heimat ist. Und es wäre auch gar nicht in unserem Interesse gelegen, verfrüht dahin zu gehen. Die Einwanderung der Juden bedeutet einen Kräftezufluß von unverhoffter Fülle für das jetzt arme Land, ja für das ganze osmanische Reich. Seine Majestät der Sultan hat übrigens m|t seinen jüdischen Untertanen nur die besten Erfahrungen gemacht, gleichwie auch er ihnen ein gütiger Souverän ist. Es liegen also Bedingungen Vor, die bei einer klugen und glücklichen Behandlung der ganzen Sache zum Ziele führen können. Die finanzielle Hilfe, welche die Juden der Türkei bieten können, ist nicht unbeträchtlich und würde zur Beseitigung manches innern Uebels dienen, an dem dieses Land jetzt leidet. Wenn ein Stück Orientfrage zugleich mit der Judenfrage gelöst wird, so ist dies gewiß im Interesse aller Kulturvölker. Die Ansiedlung der Juden wäre wohl auch eine Besserung der Lage der Christen im Orient. Aber nicht nur von dieser Seite her darf der Zionismus auf die Sympathien der Völker rechnen. Sie wissen, daß der Judenstreit in manchen Ländern zur Kalamität der Regierung geworden ist. Ergreift man f ü r die Juden Partei, so hat man die aufgewühlten Massen gegen sich. Ergreift man gegen die Juden Partei, so hat dies beim eigentümlichen Einfluß der Juden auf den Weltverkehr oft schwere wirtschaftliche Folgen. Es gibt dafür Beispiele in Rußland. Verhält sich endlich die Regierung neutral, so sehen sich die Juden ohne Schutz in der bestehenden Ordnung und flüchten sich in den Umsturz. Der Zionismus, die Selbsthilfe der Juden, eröffnet nun den Ausweg aus diesen sonderbaren; Schwierigkeiten. Der Zionismus ist einfach der Friedensstifter. Es geht ihm dabei wie Friedensstiftern gewöhnlich: er muß sich am meisten herumschlagen. Nur wenn unter den mehr oder minder ehrlichen Argumenten gegen unsere Bewegung auch das vorkommt, daß man uns des Mangels des Patriotismus zeiht, so richtet sich dieser verdächtige Einwurf von selbst. Welchen Besseren Dienst kann einer seinem Lande leisten, als wenn er den inneren Frieden der Bürger herstellen hilft. Von einem' vollständigen Auszug der Juden kann wohl nirgends) die Rede sein. Die sich assimilieren können; oder wollen, bleiben zurück und werden resorbiert. Wenn nach einem gehörigen Abkommen mit den beteiligten politischen Faktoren die Judenwanderung in aller Ordnung beginnt, so wird sie für jedes Land doch nur so lange dauern, als dieses Juden abgeben will. Wie der Abfluß zum Stillstand kommen soll? Einfach durch das allmähliche Abschwellen und endliche Aufhören des Antisemitismus. So verstehen, so erwarten wir die Lösung der) Judenfrage. Das alles haben meine Freunde und ich gesagt. Wir wollen uns die Mühe nicht verdrießen lassen, es immer und immer wieder zu sagen, bis man uns ver-i steht. Bei dieser feierlichen Gelegenheit, wo sich Juden aus so vielen Ländern zusammengefunden haben, auf einen Ruf, auf den alten Ruf der Nation, heute sei unser Bekenntnis feierlich wiederholt. Muß uns nicht eine Ahnung großen Geschehens überfliegen, wenn wir denken, daß in diesen Augenblicken die Hoffnungen und Erwartungen von vielen Hunderttausenden unseres Volkes auf unserer Versammlung ruhen? Nach fernen Ländern, ja über das Weltmeer' wird in der nächsten Stunde die Nachricht von unseren 6

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