Wiener jüdisches Familienblatt
- Journal
- Wiener jüdisches Familienblatt
- Volume
- 2 (1934)
- Issue
- 9 (Juli 1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/8245601-8695753-8695760--277-8245790- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dieser Gedanke ist bei den Juden — trotz allen deutschen Erfahrungen — unbegreiflicherweise vergessen worden, zum Schaden des jüdischen und des deutschen Volkes. Nun die eingangs erwähnten Reden: Die Eröffnungsrede Herzls auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel 1897 Geehrte Kongreßmitglieder! Als einem der Einberufer dieses Kongresses ist mir die Ehre zugefallen, Sie zu begrüßen. Ich will es mit wenigen Worten tun, denn jeder von uns dient der Sache gut, wenn er mit den kostbaren Minuten des Kongresses spart. In drei Tagen haben wir viel Wichtiges zu besorgen. Wir wollen den Grundstein legen zu dem Haus, das dereinst die jüdische Nation beherbergen wird. Die Sache ist so groß, daß wir nur in den einfachsten Worten von ihr sprechen wollen. So weit es sich jetzt schon beurteilen läßt, wird in diesen drei Tagen eine Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der Judenfrage geliefert werden. Der gewaltige Stoff gliedert sich unter der Hand unserer Referenten. Wir wollen Berichte hören über die Lage der Juden in den einzelnem Ländern. Sie alle wissen, wenn auch vielleicht nur in einer unbestimmten Weise, daß diese Lage mit wenigen Ausnahmen eine nicht erfreuliche ist. Wir fänden uns wohl kaum zusammen, wenn es anders wäre. Die Gemeinsamkeit unserer Geschicke hat eine lange Unterbrechung erlitten, obwohl die versprengten Teile des jüdischen Volkes allenthalben Aehnliches erdulden mußten. Erst in unserer Zeit ist durch die neuen Wunder des Verkehres" die Möglichkeit einer Verständigung und Verbindung der Getrennten gegeben. Und in dieser Zeit, die sonst so hoch ist, sehen, fühlen wir uns überall vom alten Haß umgeben. Antisemitismus ist der Ihnen nur zu wohl bekannte moderne. Name der Bewegung. Der erste Eindruck, den die Juden von heute davon hatten, war Ueberraschung, die in Schmerz und Zorn überging. Unsere Gegner wissen vielleicht gar nicht, wie tief im Innersten sie gerade diejenigen unter uns verletzt haben, die sie möglicherweise nicht in erster Linie treffen wollten. Das imioderne, gebildete, dem Ghetto entwachsene;, des Schacherns entwöhnte Judentum bekam einen Stich mitten ins Herz. Wir können das heute ruhig sagen, ohne nns verdächtig zu machen, daß wir an die Tränendrüsen unserer Gegner appellieren wollen. Wir sind mit uns im Reinen. Man war in der Welt von jeher schlecht über uns unterrichtet. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches man uns so häufig und grimmig vorwarf, es war in voller Auflösung begriffen, als uns der Antisemitismus anfiel. Dieser hat uns wieder gestärkt. Wir sind sozusagen nach Hause gegangen. Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland. Wir heimgekehrten Söhne finden im väterlichen Hause manches, was der Besserung bedarf; wir haben namentlich Brüder auf tiefen Stufen des Elends. Man heißt uns aber in dem alten Hause willkommen, weil es wohlbekannt ist, daß wir nicht den vermessenen Gedanken hegen, an Ehrwürdigem zu rütteln. Das wird sich bei der Entwicklung des zionistischen Programme zeigen. Schon hat der Zionismus etwas Merkwürdiges, ehedem unmöglich Gehaltenes zu Wege gebracht: die enge Verbindung der modernsten Elemente des Judentums mit den konservativsten. Daß sich dies ereignet hat, ohne daß von der einen oder anderen Seite unwürdige Konzessionen gemacht, Opfer des Intellektes gebracht worden wären, ist ein Beweis mehr, wenn es noch eines Beweises bedürfte, für das Volkstum der Juden. Ein solcher Zusammenschluß ist nur möglich auf der Grundlage der Nation. Es werden aU|C'hi Debatten stattfinden über eine Organisation, deren Notwendigkeit jeder einsieht. Die Organisation ist der Beweis des Vernünftigen in einer Bewegung. Hier ist aber ein Punkt, der nicht deutlich und energisch genug herausgearbeitet werden kann. Wir Zionisten wünschen zur Lösung der J u d e n f r a g e nicht etwa einen internationalen Verein, sondern nur die internationale Diskussion. Der Unterschied ist für uns von der höchsten Wichtigkeit, wie ich1 '.hnen nicht erst auseinanderzusetzen brauche. Dieser Umstand legitimierte auch die Einberufung unseres Kongresses. Es kann sich bei uns nicht um Bündeleien, geheime Interventionen und Schleichwege handeln, sondern nur um eine freiwillige Erörterung unter der beständigen und verständigen Kontrolle der öffentlichen Meinung. Es wird einer der nächsten, schon jetzt in großen Umrissen wahrnehmbaren Erfolge unserer Bewegung sein, daß wir die Judenfrage in die Zionsfrage umwandeln werden. Eine so große Volksbewegung muß von allen Seiten angepackt werden. Der Kongreß wird sich daher auch mit den geistigen Mitteln zur Wiederbelebung und Pflege des jüdischen Nationalbewußtseins beschäftigen. Auch auf diesem Punkte haben wir mit Mißverständnissen zu kämpfen. Wir denken nicht daran, auch nur eines Fußes Breite von erworbener Kultur aufzugeben, sondern denken an ein weiteres,1 Vertiefen der Kultur, wie es jedes Wissen bedeutet, Uebrigens ließ das geistige Leben der Juden von jeher bekanntlich weniger zu wünschen übrig, als das ihrer körperlichen Betätigung. Dies haben die praktischen Vorläufer des jetzigen Zionismus eingesehen, als sie anfingen, einen jüdischen Ackerbau hervorzurufen. Von diesen Kolonisationsversuchen in Palästina und Argentinien können und werden wir alle nie anders als mit aufrichtiger Dankbarkeit sprechen. Aber sie waren nur das erste, sie sind nicht das letzte Wort der zionistischen Bewegung. Diese muß größer sein, wenn sie überhaupt sein soll. Ein Volk kann sich nur selbst helfen; kann es das nicht, so ist ihm eben nicht zu helfen. Wir Zionisten wollen aber das Volk zur Selbsthilfe anregen. Dabei sollen keine verfrühten, ungesunden Hoffnungen angeregt werden. Auch aus diesem Grunde ist eine 5